Talayot – Leseprobe

Prolog

Talayot - die vergessenen Türme MallorcasDie Sichel des Mondes verblasste im milchigen Licht der aufkommenden Morgendämmerung, als die Novizinnen und Priesterinnen aus ihren Hütten und Häusern traten, um auf den steinernen Stufen vor dem heiligsten der Heiligtümer Aufstellung für die Hymne des beginnenden Tags zu nehmen. Auch Szanoa reihte sich in die Schar der Frauen ein.

„Du begibst dich auf die oberste Stufe und übernimmst die erste Stimme“, ordnete die Hohepriesterin an, und Szanoa folgte der Anweisung.

Erfüllt von Zufriedenheit beobachtete Maggruda ihre Nachfolgerin. Das war die Szanoa, die sie kannte. Voller Ausstrahlung und Magie. Die glänzenden dunklen Haare fielen in Kaskaden über ihren Rücken, der Überwurf aus feinstem Wildleder wies an den Rändern all die geheimnisvollen Zeichen auf, die sie inzwischen gelernt hatte und umhüllte sanft die Rundungen ihres aufrechten Körpers.

Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne vertrieben die letzten Schatten der Nacht, als die Priesterinnen einstimmig zu ihrem Morgengesang anhoben. Anfangs sang Szanoa noch im Einklang mit den anderen, bis sich ihre Stimme klar und kraftvoll über den Chor erhob. Die Schicksalsschläge der vergangenen Zeit hatte die junge Frau gut verkraftet, sie hielt den Kopf wieder aufrecht. Die Wolke der Unsicherheit, die sie eingeschlossen hatte, wie düstere Nebelschwaden die sich über die Landschaft legen, war gewichen.

Gerade wollte Szanoa Luft holen, um erneut in den Gesang einzustimmen, da verharrte sie unvermittelt in ihrer Bewegung. Die Arme leicht angehoben, löste sich kein Ton aus ihrer Kehle. Wie versteinert starrte sie in den blassen Morgenhimmel.

Was war das?

Was sah sie da?

Schnell und schneller liefen Bilder vor ihrem geistigen Auge ab, die sich erst in Ungläubigkeit, dann in blankem Entsetzen auf ihrem angespannten Gesicht zeigten.

Maggruda erbleichte. Die zukünftige Hohepriesterin des heiligsten der Heiligtümer hatte durch die Gnade der Göttin die Gabe des Sehens erhalten. Doch was wurde der jungen Frau gewahr, das sich in Form von derartigem Entsetzen in ihren panisch aufgerissenen Augen spiegelte?

Der Gesang der Priesterinnen verebbte wie eine zurückweichende Welle am großen Wasser und eine bedrohliche, undurchdringliche Stille legte sich über den heiligen Berg. Gebannt sahen die Novizinnen und Priesterinnen zu Szanoa auf, die, die Hände zu Fäusten geballt, zu einem durchdringenden Schrei ansetzte.

„Neiiiin!, schrie sie voller Verzweiflung. In ihren Augen stand schiere Panik. „Nein! Im Namen der heiligen Mutter, tu das nicht! Im Namen meiner Liebe, das darf niemals geschehen!“

Sprachlos und von einer bangen Vorahnung ergriffen, verfolgte Maggruda das Ereignis. Die Züge ihrer Nachfolgerin waren zu einer Maske des Grauens verzogen, ehe Szanoa aufschluchzte, ihren Überwurf raffte und wie von Sinnen in Richtung der steinernen Stufen stürmte, die hinab in die Ebene führten.

***

Gedankenverloren lehnte Mona sich zurück und blickte aus dem Fenster des Flugzeugs. Unter ihr bauschten sich die Wolken wie Berge von Zuckerwatte. Wo die Wolkendecke aufriss, war undeutlich die Südküste Frankreichs auszumachen. In Kürze würden sie das Mittelmeer überfliegen.

Es war eine gute Idee gewesen Hamburg für eine Weile den Rücken zu kehren. Mona bereute nichts. Spontan war sie in ein Reisebüro gegangen, um nicht lange danach mit einem Ticket und der Buchungsbestätigung für ein kleines Haus, irgendwo in der Inselmitte Mallorcas, wieder auf die Straße zu treten.

Träge schloss sie die Augen. Heute war Sonntag. Morgen käme ein Montag ohne Zeitplan und diesem würde ein Dienstag folgen, an dem sie auch noch nichts Konkretes vorhatte. Absolut göttlich diese Vorstellung. Keine aufgezwungenen Dinner-Verabredungen und keine Restaurantbesuche mit Hedwig von Thielen, die ihren Adrenalinspiegel auf ein bedrohliches Maß ansteigen ließen. Und kein Paul, der über ihr Leben bestimmte.

Mit einem entspannten Stoßseufzer ließ Mona sich tiefer in den Sitz gleiten. Die Entscheidung ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen war längst überfällig gewesen.

Völlig entspannt nickte sie ein. Das Rauschen der Triebwerke wurde leiser und wich bald darauf gänzlich aus ihrem Bewusstsein.

Sogar im Schlaf war sie sich darüber im Klaren, dass sie diesen Traum seit langer Zeit nicht mehr geträumt hatte. Plötzlich, in einer mondhellen Nacht, stand er vor ihr, dieser Mann. Wie der Fetzen einer Erinnerung, die sich nicht vertreiben lassen wollte. Bilder, die ihr deutlich und verschwommen zugleich vorkamen.

Wie immer sah sie ihn nur von hinten. Die braungebrannten Schultern, die langen Haare, die in blonden Wellen über seinen Rücken fielen. Dann hörte sie Worte, die er ihr abfällig entgegen schleuderte, die sie jedoch nie verstand. Dennoch trafen sie sie wie Peitschenhiebe und ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Mona hatte das Gefühl alles, was ihr lieb und teuer war, zu verlieren.

Fröstelnd kam sie zu sich. Die Stimme aus dem Bordlautsprecher informierte die Passagiere, dass die Landung unmittelbar bevor stand.

Mona beugte sich seitlich zum Fenster. Unter ihr rauschten Dächer, grüne Wiesen und Felder vorbei, und der Albtraum aus Kindertagen verblasste. Urlaub, abschalten und Erholung, dachte sie, genau das würde ihr sicher gut tun.

Mit einem Ruck setzte die Maschine auf und bremste stark ab. Einige Männer im hinteren Bereich des Flugzeugs johlten lautstark über den schönen Westerwald und Mona verzog abfällig den Mund. Von wegen Westerwald. Die Fotos im Reiseprospekt waren eindeutig gewesen. Ein kleines Haus auf halber Höhe eines Berges mit freier Sicht auf das Tal und Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe.

Das Flugzeug kam zum Stillstand.

Nachdem die Triebwerke verstummt und die Türen geöffnet worden waren, reihte sie sich in die Menge der zur Tür drängenden Menschen ein. Am Ausgang verabschiedeten zwei freundlich lächelnde Stewardessen die Gäste.

Auf der Außentreppe fiel Mona grelles Sonnenlicht ins Gesicht. Die Temperaturen waren zwar nicht übermäßig warm, kamen einem schönen Frühlingstag aber schon recht nahe. Sie war gerade die letzte Stufe herunter gekommen und hatte das Rollfeld betreten, als ihr seltsam schwindelig wurde. Ein leichtes Kribbeln strich über ihre Kopfhaut und sie sah benommen zu dem wartenden Bus hinüber, der vor ihren Augen zu flimmern begann und sich schließlich gänzlich auflöste.

Erst nur schemenhaft, danach zunehmend deutlicher, konnte sie eine Frau vor einer Mauer aus riesigen Felssteinen ausmachen. Hoch gewachsen und von dunkler Hautfarbe, trug sie außer einem kurzen ledernen Schurz und Sandalen nichts am Leib. Wie ein Trauerflor wehten ihre schwarzen Haare im Wind.

Langsam hob die Frau den rechten Arm an, und die Strahlen der Sonne brachen sich in einem breiten Bronzereif, der ihren rechten Oberarm umspannte. Mit zornig aufloderndem Blick streckte sie dem Himmel einen blutverschmierten Dolch entgegen und rief mit gellender Stimme Worte in einer Sprache, die Mona noch nie gehört hatte. Dann wandte sie sich ab, wälzte einen Felsbrocken, der neben einer Art Durchgang lag, beiseite und vergrub den Dolch. Nachdem sie den Stein zurückgerollt hatte, verschwand sie durch die Öffnung im Inneren der Mauer.

Das Bild löste sich auf.

„Geht es Ihnen gut?“, fragte die Stewardess, die Mona gefolgt war. „Brauchen Sie vielleicht Hilfe?“

Noch immer stand Mona regungslos auf dem Rollfeld. Der Bus wartete offensichtlich nur auf sie. Und da war nichts. Keine Frau, keine Mauer, gar nichts.

Fahrig schüttelte sie den Kopf. „Nein, nein danke, es ist alles bestens.“ Gequält lächelte Mona die Stewardess an und lief anschließend hastig auf den Bus zu.

Mit zitternden Knien stieg sie ein. Die Türen fielen hinter ihr zu und das Fahrzeug setzte sich in Bewegung. Halt suchend umfasste ihre Hand den Griff an einem der Sitze. Was war das eben gewesen?

Um ihr Nervenkostüm konnte es nicht zum Besten bestellt sein, wenn sie schon anfing wirre Bilder in flimmernder Luft zu sehen. Stand sie etwa kurz davor den Verstand zu verlieren?

Ihr Entschluss, sich einfach eine Auszeit zu verschaffen, war demnach völlig richtig gewesen. Sie war tatsächlich urlaubsreif.

***

Nach einer kurzen Fahrt hielt der Bus vor dem Terminal und Mona schulterte ihren Lederrucksack. Sie folgte der Menge durch die endlosen Gänge zum Gepäckband, das sich ratternd in Bewegung setzte. Es dauerte nicht lange, da fand sie ihren Koffer und begab sich in Richtung der gläsernen Schiebetüren. Jetzt musste sie nur noch die Autovermietung finden, bei der sie einen Wagen reserviert hatte.

Das Gepäck lag verstaut Kofferraum, die ausgebreitete Mallorca-Karte auf dem Beifahrersitz. Urlaub, Sonne, Strand und Meer, was konnte man sich mehr wünschen, dachte Mona, während sie sich in den Verkehr auf der Autobahn einfädelte. Zwar war es auch hier noch lange nicht Sommer, aber nach diesen endlosen Wochen im diesigen Grau des Hamburger Schmuddelwetters war sie regelrecht dankbar für ein bisschen Licht.

Bald kamen die ersten Hotels an der Strandpromenade in Sicht und sie glaubte das Meer förmlich riechen zu können. Fast bedauerte sie es in diesem Augenblick ein wenig, sich für das ruhige Hinterland entschieden zu haben.

Bei der Abfahrt in Richtung Manacor verlassen Sie die Autobahn, hatte in den Unterlagen gestanden, und so bog sie auf die gut ausgebaute Landstraße ab, die parallel zum Flughafen und den Start- und Landebahnen verlief. Auf den umliegenden Feldern streckten sich die Türme unzähliger Windmühlen in den strahlend blauen Frühlingshimmel. Manche von ihnen Ruinen gleich, andere restauriert und wiederhergestellt. Behäbig drehten sich die blau-weißen Flügel im sanften Wind. Mona verliebte sich sofort in diesen Anblick.

Weiter zog sich die Straße durch eine Ebene, bis sie sich nach einer Abzweigung langsam ansteigend den Berg hinauf schlängelte. Zartrosa und weiß schimmerten die Blüten der Mandelbäume über der rostroten Erde der Mandelplantagen.

Nein, das hier war ganz sicher nicht die Südsee und auch nicht Griechenland. Hier gab es keinen Chauffeur, der die Mitglieder der Familie von Thielen vom Flughafen abholte, um sie zu ihrer luxuriösen, hinter einer Mauer abgeschotteten Villa mit Blick aufs Meer zu bringen. Das hier war Mallorca, und genau die Art von Urlaub, die Mona vorschwebte.

Sie war fast eine halbe Stunde gefahren, als sie eine Stadt erreichte, die sich über einen Bergrücken erstreckte. Montuïri, las sie auf dem Ortsschild. Wenn sie das auf der Karte richtig gesehen hatte, konnte es von hier aus nicht mehr weit sein.

Die Sonne stand bereits schräg am Himmel und tauchte die Landschaft in goldenes Licht. Sie durchfuhr ein weiteres Tal und der kleine Ort Sant Joan lag direkt vor ihr.

Das Dorf, dessen überdimensionale Kirche sich mächtig über die Dächer der Häuser erhob, zog sich den Hügel hinauf, auf dessen Kuppe eine alte Mühle an längst vergangene Zeiten erinnerte. Der Ort selbst wirkte verschlafen, wenn nicht gar verlassen. Weit und breit war kein Mensch auf den Straßen zu sehen, nur ein kleiner schwarzer Hund trottete auf dem Bürgersteig vorbei.

Die ausführliche Beschreibung des Reisebüros erwies sich in den engen Seitengassen als wahrer Segen und Mona fand das mallorquinische Stadthaus, in dem sie ihre Vermieter kennenlernen sollte, ohne sich verfahren zu haben.

Sie parkte den Wagen, nahm den Rucksack vom Beifahrersitz und stieg aus. Inzwischen war es deutlich abgekühlt und sie zog den Kragen ihrer Jacke enger um den Hals.

Die grünen Fensterläden des zweistöckigen Sandsteinhauses waren allesamt geschlossen. Neben der Lamellentür am Eingang gab es zwar kein Namensschild, aber immerhin eine Klingel. Nochmals überprüfte Mona die Hausnummer auf der Buchungsbestätigung und betätigte den Knopf.

Kein Laut drang aus dem alten Gemäuer, doch schließlich wurde die Lamellentür geöffnet, und eine Frau, schätzungsweise in den Fünfzigern, trat ihr entgegen. Der dunkelblaue Hausanzug betonte ihre mütterliche Figur und das strahlende Lächeln in dem rundlichen Gesicht gab Mona vom ersten Moment an das Gefühl, willkommen zu sein.

„Sie müssen die deutsche Señora sein, die unsere kleine Finca gemietet hat?“, sagte die Mallorquinerin und gab Mona mit einer winkenden Geste zu verstehen, sie möge eintreten. „Bienvenido. Sprechen Sie Spanisch?“

„Ja“, bestätigte Mona und betrat die hohe Eingangshalle, die von einem wuchtigen Kronleuchter erhellt wurde. „Ich bin Mona Meisner, hier ist meine Buchungsbetätigung.“

Hinter ihr zog die Frau die Tür zu und schloss die Glastür des Windfangs. Lachend winkte sie ab.

„Willkommen auf Mallorca. Die Buchungsbestätigung brauche ich nicht. Haben Sie Mona gesagt? Ich bin Magdalena“, stellte die Frau sich vor und strahlte.

„Und das ’Sie’ benutzen wir hier auf dem Land so gut wie nie. Jeder kennt jeden. Es würde das Leben nur unnötig komplizieren. Außer bei älteren Menschen, da ist es schon angebracht“, fügte sie hinzu. „Komm mit ins Wohnzimmer, es ist kalt. Hast du Probleme gehabt uns zu finden?“

„Nein gar nicht“, antwortete Mona und folgte Magdalena durch eine gläserne Schwingtür in einen Raum, der ebenso hoch war, wie zuvor die Eingangshalle.

Das Haus hatte von außen so schlicht und schmucklos gewirkt, diese Pracht im Inneren hätte sie nicht erwartet. Vor den weiß verputzten Wänden standen antike Möbel und im Zentrum des Zimmers befand sich ein großer Esstisch, dessen Holzmaserung speckig glänzte. Eine geklöppelte Spitzendecke zierte seine Mitte, auf der eine Vase mit voll erblühten, gelben Lilien stand.

Mona folgte der Mallorquinerin zum Kamin an der Stirnseite des Raumes, wo knisternd ein Feuer brannte.

Magdalena deutete auf einen der zwei Schaukelstühle. „Nimm Platz. Es ist ganz schön kalt“, bemängelte sie und rieb ihre Hände aneinander.

„Vorhin am Flughafen war es noch angenehm warm.“ Mona ließ ihren Rucksack zu Boden gleiten und setzte sich.

„Ja, tagsüber geht es auch, wenn die Sonne scheint und man ein windgeschütztes Plätzchen erwischt. Aber sobald sie hinter den Häusern verschwindet, wird es ungemütlich.“

Magdalena legte ein weiteres Holzscheit auf das prasselnde Feuer, bevor sie sich in dem zweiten Schaukelstuhl niederließ.

„Wir warten nur noch auf meinen Mann, der müsste gleich kommen. Wie fahren mit dir hinaus zur Finca. Es ist zwar nicht weit, aber du würdest es vielleicht nicht finden. Außerdem will ich dir zeigen, wo das Kaminholz ist und wie alles funktioniert. Es ist lausig feucht um diese Jahreszeit und du solltest schon am späten Nachmittag das Feuer anmachen, damit es abends angenehm ist.“

„Ich werde daran denken“, antwortete Mona lächelnd.

Magdalena stand nochmals auf und verschwand durch eine weitere Tür im hinteren Bereich des Hauses.

„Ich muss nur schnell etwas holen“, rief sie und kam nicht lange danach mit einer Korbtasche zurück.

„Heute ist Sonntag. Deshalb habe ich dir die nötigsten Sachen besorgt. Ein bisschen Kaffee, Wasser, Milch und Brot eben. Und ein paar Eier. Was du sonst noch brauchst, kannst du ja morgen kaufen, der kleine Supermarkt ist gleich hier vorne um die Ecke. Ach – den Wein hat mein Mann dazugelegt. Er dachte, für den ersten Urlaubsabend wäre das angebracht. Er ist sehr stolz auf unsere mallorquinischen Weine.“

„Was schulde ich dir?“, fragte Mona gerührt.

„Das ist schon in Ordnung“ winkte Magdalena entschieden ab.

Die gläserne Wohnzimmertür schwang auf und ein Mann betrat den Raum.

„Hola, ich bin Miguel“, stellte er sich vor. „Wartest du schon lange?“

„Nein, überhaupt nicht. Ich heiße Mona und bin im Urlaub. Da habe ich es nicht eilig.“

Miguel nahm seine Schirmmütze vom Kopf und fuhr sich durch die silbergrauen Haare. „Das gefällt mir“, lachte er. „Nichts schlimmer als Menschen, die der Zeit hinterher hetzen. Ich habe draußen in der Casita schnell Feuer gemacht, damit du es gleich warm hast.“

„Das ist meine Rettung!“, seufzte Mona theatralisch. „Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich in meinem Leben noch keinen Kamin angefeuert habe.“

„Das macht nichts“, versicherte Miguel großmütig. „Anfänger sollten mindestens genauso viel Kaminanzünder zur Verfügung haben wie Brennholz. Dann wird das schon“, fügte er zwinkernd hinzu.

Mona konnte sich nicht daran erinnern je zuvor von völlig Fremden so herzlich aufgenommen worden zu sein.

„Ich werde an die Anzünder denken, wenn ich einkaufen gehe.“

Magdalena erhob sich aus dem Schaukelstuhl, der leise knarrend vor und zurück wippte. „Wir sollten zur Finca fahren. Es wird noch früh dunkel und ich möchte, dass du den Weg noch im Hellen siehst.“

„Gerne“, stimmte Mona zu und stand ebenfalls auf.

Magdalena übernahm die Korbtasche mit den Lebensmitteln und Mona schwang ihren Rucksack über die Schulter, bevor sie den sympathischen Mallorquinern hinaus auf die Straße folgte.

Vor ihrem Leihwagen parkte inzwischen ein klappriger alter Kastenwagen mit heruntergekurbelten Fenstern, dessen Tür abzufallen drohte, als Miguel sie schwungvoll hinter sich zuwarf.

„Wenn wir ins Campo fahren nehmen wir die alte Furgoneta“, rief er, während er den rasselnden Motor startete und in die Mitte der schmalen Gasse fuhr, damit seine Frau einsteigen konnte.

„Fahr einfach hinterher, es ist nicht weit.“

Mona folgte dem Kastenwagen in Richtung Ortsausgang.

So ein Glücksfall. Das war ja fast als käme man gute alte Freunde besuchen.

Inzwischen wurde es langsam dunkler und das Tal, in das sie einbogen, lag im dämmrigen Zwielicht. Düster ragten die Bäume des Waldes in den von Wolken verschleierten Himmel. Kurz darauf setzte Miguel den Blinker und bog in einen schmalen Feldweg ein. Behäbig schaukelte Mona in ihrem Wagen über den holprigen Weg, der sich, gesäumt von steinernen Mauern, den Hang hinauf zog.

Etwa auf halber Höhe erreichten sie ein offenes Holztor, an dem auf einem verwitterten Holzschild Ca´n Mateu zu lesen war. Die Einfahrt führte über einen schmalen Kiesweg zu einem kleinen Häuschen, neben dem eine ausladende Palme stand. Dort stellte Mona ihren Wagen ab und stieg aus.

Überwältigt hielt sie den Atem an. In einem Abendrot, das auf jeder Postkarte kitschig gewirkt hätte, versank die Sonne glutrot hinter den Gipfeln des majestätischen Bergmassivs auf der gegenüberliegenden Seite der Insel. Die Wedel der Palme rauschten im aufkommenden Abendwind, der die dunklen Wolken wie im Zeitraffer über den flammenden Abendhimmel schob.

„Das ist ein Traum!“ Begeistert sah Mona sich um.

„Wir sind früher öfter mit den Kindern hier gewesen. Komm, ich zeige dir das Haus. Es ist nicht groß, aber gemütlich“, forderte Magdalena sie auf und betrat die kleine Veranda, wo unter dem Schutz eines abgeschrägten Vordachs ein Holztisch und zwei Stühle standen.

Miguel hatte inzwischen die verwitterte Holztür des alten Steinhauses geöffnet.

„Lauft ihr zwei ruhig schon vor“, sagte er und streckte die Hand aus. „Wenn du mir den Schlüssel gibst, hole ich deine Sachen aus dem Wagen.“

Mona bedankte sich, reichte ihm den Autoschlüssel und ging mit ihrer Vermieterin ins Haus.

Im Eingangsbereich befand sich eine kleine Küche, deren Natursteinwände bis etwa auf halbe Höhe weiß gekachelt waren. Auf der hölzernen Ablage der Unterschränke stand ein Korb frischer Orangen, auf den schlichten Holzregalen darüber stapelte sich Geschirr. Über dem Gasherd, neben einer alten Porzellanspüle, hingen Töpfe und Pfannen an hölzernen Keilen, die in den Mauerritzen steckten. Auch hier stand ein kleiner runder Holztisch mit zwei Stühlen.

„Ich finde es sehr schön“, sagte Mona und folgte Magdalena durch einen Rundbogen in ein kleines Wohnzimmer, wo das Feuer bereits im Kamin flackerte.

In einer Nische neben der Feuerstelle lag gestapeltes Brennholz bereit und mitten im Raum befand sich ein abgenutztes Sofa mit verblasstem Blumenmuster vor einem niedrigen Couchtisch.

Mona ließ ihren Rucksack von der Schulter auf die Terracottafliesen gleiten.

Vom Wohnzimmer aus führte eine weitere Tür ins Schlafzimmer, wo Schaffelle auf dem Steinboden lagen, der im Sommer sicher angenehm kühl unter den Füßen sein würde. Über dem rustikalen Doppelbett lag ein hellbrauner Überwurf, passend zu den Vorhängen der Fenster. Die Türen eines antiken Schrankes standen offen, genau wie der Deckel einer alten Truhe neben dem Kopfende des Bettes. Eine kleine, blütenförmige Hängelampe warf helles Licht in den Raum. Im Geist sah Mona sich schon entspannt hier liegen und lesen. Auch in diesem Zimmer knisternde ein Feuer im Kamin.

Miguel brachte den Koffer herein und stellte ihn neben der Truhe ab. Er öffnete eine Tür, hinter der ein kleines Bad zum Vorschein kam.

„Das Bad ist hinten angebaut. Hier befindet sich die einzige Heizung im Haus, alles andere musst du mit Holz anfeuern. Warmes Wasser kommt über den Gasboiler, der sich hinter dem Haus im Anbau befindet. Die Gasflasche habe ich gerade ausgewechselt. Wenn du nicht jeden Abend ein Vollbad nimmst, reicht die erst einmal für eine Weile. Ich bringe dir in den nächsten Tagen noch eine Ersatzflasche.“

Magdalena legte Mona den Arm um die Schulter. „Wenn du alles hast, was du brauchst, lassen wir dich in Ruhe auspacken. Sollte etwas fehlen, kommst du einfach bei uns vorbei.“

„Ich bin wirklich froh, hier zu sein“, bedankte Mona sich und schloss ihre Gastgeberin spontan in die Arme.

Miguel hob zum Abschied die Hand. Bald darauf verschwanden die Lichter des klapprigen Wagens hinter der Einfahrt und Mona stand allein auf der Veranda. Wie schwarze Schatten ragte die Silhouette der Berge am Horizont in die dunkler werdende Nacht.

Von einem Gefühl großer Dankbarkeit erfüllt, schlenderte sie die Auffahrt hinab und schob das verwitterte Holztor zu. Dann rannte sie übermütig ins Haus und schloss die Tür.

Sie würde auspacken, sich ein paar Rühreier in die Pfanne hauen, noch ein Glas Wein trinken und vor dem Kamin in aller Ruhe lesen.

Den Vorfall auf dem Rollfeld hatte sie längst vergessen.

***

Als Mona am nächsten Morgen erwachte, fühlte sie sich so gut wie lange nicht mehr. Ein Blick auf den Wecker zeigte, dass es kurz vor acht war.

Träge ließ sie ihre Beine aus dem Bett gleiten und tänzelte, schlotternd vor Kälte, auf Zehenspitzen in die Küche. Das Haus war stark abgekühlt, die Feuer erloschen.

Rasch setzte sie Wasser für den Kaffee auf und flitzte ins Schlafzimmer, wo sie sich einen dicken Pulli über ihr Flanell-Nachthemd zog und nach ein paar Wollsocken suchte. Es würde sicher Sinn machen, erst einmal das Feuer im Wohnzimmer zu schüren, bevor sie sich noch eine Lungenentzündung holte.

Mona schob die Asche vom letzten Abend unter dem Kaminrost beiseite und legte dünneres Holz und ein paar frische Scheite auf. Eingedenk Miguels Ermahnung ging sie verschwenderisch mit den Kaminanzündern um; tatsächlich entflammten sich die dünneren Hölzer sofort und wohlige Wärme schlug ihr entgegen.

Fröstelnd rieb sie ihre kalten Hände aneinander. Zu Hause saßen die Kollegen um diese Uhrzeit schon im Büro und gingen ihrer Arbeit nach. Auch Paul würde sicherlich, korrekt gekleidet wie immer, bereits in der Firma sein.

Bei dem Gedanken mit ihm zusammen in diesem Häuschen zu wohnen, musste sie wider Willen kichern. Paul in seinem seidenen Schlafanzug hier in dieser kalten Hütte? Ohne Mikrowelle, Kaffeemaschine und Zentralheizung? Und ohne eine Haushälterin, die das Frühstück servierte? Na, da hätte der Tag ja gut angefangen!

Das Wasser für den Kaffee brodelte in dem kleinen Topf und Mona suchte nach einer Kanne und einem Filter, häufte Kaffee in die Tüte und goss Wasser auf. Anschließend öffnete sie die Persianas des kleinen Fensters über der Spüle, dessen Scharniere leise quietschten.

Dichter Nebel lag über dem Tal. Sie konnte kaum bis zu der Mauer sehen, die das Grundstück eingrenzte. Gespenstisch hingen die Äste der kahlen Feigenbäume in der diesigen Suppe und kalte Morgenluft wehte ins Haus herein.

Schnell schloss Mona das Fenster und rubbelte sich mit den Händen über die Oberarme. Es war zwar kalt, aber es regnete nicht. Immerhin ein Anfang.

Es dauerte nicht lange, da lag das Schaffell aus dem Schlafzimmer vor dem Kamin, der Beistelltisch war herangezogen und sie saß, eine wärmende Decke um die Schultern gelegt, mit ihrer Kaffeetasse und einer Scheibe Brot in der Hand, im Schneidersitz vor dem Feuer.

Sie hatte das Brot gerade aufgegessen und die Tasse auf dem Tischchen abgestellt, da fiel ihr der Vorfall auf dem Flughafen ein.

Nachdenklich schweifte ihr Blick zu den brennenden Holzscheiten und im gleichen Moment glaubte sie, die Gesichtszüge jener Frau, die sie am Vortag zu sehen geglaubt hatte, zu erkennen. Jünger schien sie ihr, fast kindlich. Heute stand sie im hellen Sonnenlicht und drehte Grasfasern ineinander.

Mona erschauerte, als hätte ihr jemand eine kalte Hand auf den Hals gelegt.

Das konnte nicht sein!

Eine völlig normale Frau im einundzwanzigsten Jahrhundert hatte keine Erscheinungen. Nicht auf Flughäfen und auch nicht in einem Kaminfeuer!

Dennoch folgten weitere Bilder. Wie in einem Film; und wieder hörte sie Stimmen in einer Sprache, die sie nicht kannte, aber dennoch verstand…

***

Szanoa stand vor dem Haus und drehte abwesend die eingeweichten Binsenfasern ineinander.

Ihr hoch gewachsener brauner Körper glänzte. Die Hüften waren von einem ledernen Schurz bedeckt, der die noch knabenhafte Statur des Mädchens betonte. Schwarzes, welliges Haar fiel über ihre schmalen Schultern bis zur Taille hinab. Flink bewegte sie die feingliedrigen Finger. Sie brauchte sich auf das Drehen der Fasern nicht zu konzentrieren. Schon früh lernten die Kinder des Kreises, wie man Seile herstellte.

Hinter Szanoa ragte der mächtige Aussichtsturm über den Kronen der knorrigen Steineichen in den Sommerhimmel. Die Langhäuser innerhalb der steinernen Kreismauer wirkten verlassen.

Kaum ein Laut war zu hören. Nur das monotone Summen der Fliegen und das Gegacker der Hühner durchdrang die gedämpfte Stille des späten Vormittags. Selbst die Schafe und Ziegen standen träge in ihren hölzernen Pferchen, als wäre ihnen jede Bewegung bei dieser Hitze zu viel. Außer den Alten, Schwangeren und einigen Mädchen in Szanoas Alter, waren fast alle Mitglieder des Dorfes nach der ausgiebigen Morgenmahlzeit in den Steinbruch gezogen.

Immer noch außer sich, strich Szanoa sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und trat einen Schritt rückwärts, um das grobe Seil anzuspannen. Es wollte ihr einfach nicht in den Kopf, wieso Mädchen ab einem gewissen Alter nur für die Arbeiten im Langhaus und auf den Feldern zuständig sein sollten. Was gab es da für sie noch zu lernen? Schließlich hatte ihre Mutter frühzeitig damit begonnen, sie mit dem normalen Tagesablauf vertraut zu machen. Szanoa wusste, wie man Felle gerbte, die Mahlzeiten zubereitete, wie die Felder bestellt wurden. Kein Knochen beim Schlachten, der nicht schon in Gedanken die Gestalt einer Nadel oder eines Schmuckstücks annahm. Keine Sehne, bei der sie nicht auf den ersten Blick erkennen würde, ob sie besser zum Nähen geeignet wäre, oder um einen Bogen damit zu bespannen.

Nein, es gab überhaupt keinen einsichtigen Grund, warum sie bei Anbruch des Tages nicht mit ihrem Vater und ihren Brüdern zusammen auf die Jagd hatte gehen dürfen.

Die Steinbeutel und ihre Schleudern über die Schultern gehängt, waren die Männer beim ersten Anzeichen der Dämmerung guter Dinge davongezogen.

Die dunklen Brauen missmutig zusammengezogen, blickte Szanoa zu ihrer Mutter Lellana hinüber, die im Schatten der ausladenden Zweige eines Haselnussstrauchs saß und einen gerade fertig gestellten tönernen Tiegel zu den anderen Töpfen und Schalen stellte. Fast zärtlich strichen ihre lehmverkrusteten Finger über das vollendete Werk.

Auch sie war nur mit einem kurzen Schurz bekleidet, der das fortgeschrittene Stadium ihrer vierten Schwangerschaft deutlich hervorhob. Genau wie Szanoa, hatte sie dichte schwarze Haare, die in geflochtenen Zöpfen über ihre prallen Brüste fielen.

Als ob sie gespürt hätte, dass sie beobachtet wurde, hob Lellana ihre Hand vor die Stirn, um die Augen vor dem grellen Sonnenlicht zu schützen. Sie erwiderte den Blick ihrer Tochter, und ein nachsichtiges Lächeln glitt über ihre Züge.

Der Gesichtsausdruck Szanoas wirkte nach wie vor störrisch und verschlossen. Für viele Mädchen war es nicht einfach, sich damit abzufinden, dass sie alt genug waren, den Kreis der Eltern zu verlassen. Nur damit, dass Szanoa sich so heftig sträuben würde, hatte Lellana nicht gerechnet.

Seufzend erhob sich sie von dem Ziegenfell und ging mit langsamen Schritten auf ihre Tochter zu.

Gackernd stoben die Hühner auseinander und wirbelten eine Wolke feinen Sandstaubs über dem kargen Felsboden auf.

„Kleine Tochter“, setzte Lellana mit liebevoller Stimme zum Sprechen an, „wenn die Göttin gewollt hätte, dass du als Junge geboren wirst, würdest du dann wie eine fast erwachsene Frau vor mir stehen?“

Szanoa stampfte heftig mit dem Fuß auf und trat einen Schritt zurück, um die Schnur ruckartig anzuspannen, während sich ihre Finger wie von alleine weiter bewegten.

„Ich verstehe es nicht“, antwortete sie eigensinnig. „Wieso kann ich nicht mehr zum Jagen gehen, nur weil ich ein Mädchen bin?“

Kopfschüttelnd legte Lellana ihr die Hand auf die Schulter.

„Weil die Aufgaben nun einmal so verteilt sind, wie sie verteilt sind.“

Szanoa hielt in ihrer Bewegung inne und sah ihre Mutter anklagend an. Alles Unverständnis, das sie empfand, spiegelte sich in diesem Blick.

„Ich werde es nie begreifen“, schimpfte sie aufgebracht. „Du schleuderst die Steine genau so gut wie jeder Mann und findest dich einfach damit ab, hier im Kreis zu leben und Kinder großzuziehen!“

Ruppig zog sie die Fasern unter ihrem linken Arm hervor und drehte sie noch schneller ein.

„Hast du denn keine Sehnsucht danach, den Sonnenaufgang außerhalb dieser Mauern zu sehen? Verspürst du niemals den Wunsch, die Nacht unter Sternen zu verbringen und die Schreie der Raubvögel zu hören?“

Erschrocken hielt sie inne. Es war nicht richtig, so mit ihrer Mutter zu sprechen.

Tief ausatmend nahm Lellana Szanoa das Ende des Seils aus der Hand und schlug geschickt einen Knoten in die noch feuchten Fasern. Anschließend lief sie schwerfällig auf die gegenüberliegende Hauswand zu, wo sie das dick gedrehte Seil an einem Holzkeil, der im Zwischenraum der groben Mauersteine steckte, befestigte, damit es sich nicht wieder aufrollen konnte.

„Komm, lass uns einen Moment hinein gehen, es ist schrecklich heiß.“

Unglücklich schaute Szanoa ihrer Mutter hinterher, die, ihre Hände schützend um den gewölbten Leib gelegt, in das Langhaus trat und folgte ihr lustlos.

Im Inneren herrschte angenehme Kühle. Nur durch den Rauchabzug in der Decke, die von einer tragenden Säule aus aufeinander gestapelten Felsklötzen gestützt wurde, fiel ein schwacher Lichtstrahl herein.

Hier ließ sich Lellana in die Hocke gleiten und lehnte ihren Rücken an den kühlen Stein.

„Wieso machst du dir das Leben so schwer, kleine Tochter?“, seufzte sie.

Szanoa warf in einer Geste der Hilflosigkeit die Hände hoch uns setzte sich in die Hocke. Nur mit Mühe konnte das Mädchen die aufsteigenden Tränen zurückhalten.

„Selbst mein Bruder Nagut durfte heute Morgen mit!“, sagte sie bitter. „Aber obwohl er inzwischen zehn Sommer alt ist, verfehlt er fast jedes Mal sein Ziel, wenn er die Schleuder nur anfasst. Vielleicht wäre es gerechter, wenn er hier bleiben würde, denn ich habe noch jeden Stein ins Ziel gebracht!“

„Oh, du heilige Mutter“, lachte Lellana auf und ein mitleidiger Ausdruck glitt über ihre Züge. „Als du noch zehn Sommer alt warst, durftest du ja auch mitgehen. Jetzt bist du bald eine Frau und da kommen andere Pflichten auf dich zu.“

Laut einatmend kam Szanoa auf die Füße und warf sich der Länge nach auf eines der Schafsfelle. Nachdenklich stützte sie den Kopf auf die Hände.

„Ich habe nichts gegen Pflichten, Mutter.“ In ihren Worten schwang ein trauriger Unterton mit. „Ich möchte nur einfach so weiterleben wie bisher! Ich will den Kreis nicht verlassen, bloß weil Vater mich Mggrado versprochen hat. Er macht mir Angst.“

Kaum zwei Sommer älter, war Mggrado zwar gutaussehend und stammte aus einem benachbarten Kreis, doch sein Blick spiegelte die ganze Verschlagenheit seines Wesens wieder. Die Vorstellung jeden Morgen an seiner Seite zu erwachen, erfüllte Szanoa mit Schrecken. Nichts mehr in ihrem Leben würde bleiben wie es war, wenn sie erst an seiner Seite ihr Dasein würde fristen müssen, daran gab es keinen Zweifel.

Entschlossen, nicht wie ein kleines Kind loszuheulen, wischte sie sich eine Träne von der Wange.

„Meinst du nicht, dass sich das gibt, wenn ihr euch besser kennt?“, fragte Lellana behutsam und eine steile Falte bildete sich zwischen ihren Augen.

Besorgt beobachtete sie das verzweifelt wirkende Gesicht ihrer Tochter. Erst in diesem Augenblick wurde ihr bewusst, seit wann sich das einst sonst so fröhliche Mädchen in diese verdrossene junge Frau verwandelt hatte.

„Nein“, wehrte Szanoa verbissen ab.

Die schwarze Mähne lag wie ein Schatten über ihren Schultern, ehe sie sich ruckartig aufsetzte und die Arme um ihre Beine schlang.

„Er hat mir bereits klar gemacht, dass ich, wenn ich erst Frau seines Langhauses bin, bestimmt nicht über dieselben Freiheiten verfügen werde, wie in meinem Kreis.“

„Du weißt, dass es zu einem Kampf käme, wenn Zab die Zusage an Mggrados Sippe zurückzieht“, warnte Lellana eindringlich.

Unglücklich vergrub Szanoa ihren Kopf zwischen den Knien.

„Ja Mutter, ich weiß. Und ich werde keine Schande über den Kreis bringen, das verspreche ich dir. Es ist entschieden und ich muss mich fügen. Aber das ändert nichts daran, dass ich es eigentlich nicht will.“

Die Inbrunst mit der Szanoa sprach, rührte Lellana tief. Sie selbst war als Pflegekind in diesem Kreis aufgenommen worden und hatte den Vater ihrer Kinder, Zab, von Kindesbeinen an gekannt. Sie konnte durchaus nachempfinden, welche Gefühle im Herzen ihrer Tochter tobten. Das Mädchen wusste nicht einmal genau was, außer der Tatsache, dass sie einem Mann übergeben werden würde, an Veränderungen auf sie zukam. Trotzdem machten ihr der unbeugsame Wille ihrer Tochter und ihre standhafte Weigerung, sich den üblichen Gebräuchen unterzuordnen, ein wenig Angst.

„Weißt du, manchmal wundere ich mich, wie sehr du meiner Mutter ähnelst, die du nicht einmal kennst“, seufzte Lellana und musterte ihre Tochter eindringlich.

„Maggruda hat sich den Gesetzen der Kreise auch nicht unterordnen wollen.“

Szanoas dunkle Augen blitzten auf und sie warf den Kopf in den Nacken.

„Ja, Maggruda ist frei. Sie geht auf die Jagd, wann sie es will und trifft ihre Entscheidungen alleine!“

Ernst besah Lellana ihre Tochter und bemerkte den verbitterten Zug um deren Mund. Manchmal fiel es ihr wirklich schwer, dieses Mädchen zu verstehen. Nicht jeder war für das entbehrungsreiche Leben im Heiligtum geschaffen. Nur wenige brachten die Fähigkeiten mit, die man brauchte, um der Muttergöttin dienen zu dürfen.

Ein Blick auf Szanoas verkniffene Lippen genügte um zu wissen, dass, egal was sie nun sagen würde, nicht unbedingt auf Verständnis stoßen würde.

„Maggruda ist einen entbehrungsreichen Weg gegangen. Schon als Kind bekam sie Visionen und Träume. Deshalb ist sie zu den weisen Frauen des Heiligtums geschickt worden, um dort zu lernen, mit ihrer besonderen Begabung umzugehen. Priesterinnen leben für die Göttin, nicht für die Familie, die Sippe. Deswegen bin ich auch bei Pflegeeltern groß geworden. Weil meiner Mutter der Ruf der Göttin mehr bedeutet hat.“

Der anklagende Unterton überraschte Szanoa. Seit sie denken konnte, hatte sie den Namen Maggrudas immer in Verbindung mit Hochachtung und Respekt vernommen. Dass Lellana das anders sehen könnte, wäre ihr nie in den Sinn gekommen.

Verunsichert sah sie zu ihrer Mutter hinüber, deren abwesender Blick sich im steinigen Boden verlor.

„Es tut mir leid, Mutter“, entschuldigte sich Szanoa ernst und schluckte. „Ich werde mich fügen.“

Lellana kam zu sich, und ein schwer zu deutender Ausdruck spiegelte sich in ihren Augen.

„Ist ja schon gut, mein Kind“, sagte sie versöhnlich und streckte Szanoa die Hände entgegen, um sich von ihr hochziehen zu lassen.

Mit einem schlechten Gewissen sprang Szanoa auf die Füße um Lellana aufzuhelfen.

„Vielleicht war es wirklich ein Fehler, dich ausgerechnet Mggrado, den du ja kaum kennst, zu versprechen. Aber es lässt sich im Nachhinein nicht mehr ändern.“

Zaghaft legte Lellana ihre Hände auf die Schultern ihrer Tochter und zog sie anschließend in die Arme.

„Komm“, forderte sie lächelnd, „beeil dich mit dem Seil. Danach kannst du meinetwegen die Schleuder nehmen und jagen.“

„Das würdest du erlauben?“ Szanoa strahlte vor Freude. „Alleine?“

Lellana nickte. „Obwohl es schon viel zu spät ist.“

Mutter und Tochter traten aus dem Haus. Die Sonne hatte den Zenit fast erreicht und die Hitze schlug ihnen wie eine Wand entgegen.

Flink hievte Szanoa den Bottich herbei und weichte das Endstück der inzwischen getrockneten Schnur darin ein. Nicht mehr lange und sie würde gehen können, um endlich das zu tun, was sie wollte.

Ihre Finger bewegten sich in Windeseile. Die Aussichten, um diese Zeit und bei dieser Hitze noch ein Tier vor die Schleuder zu bekommen waren zwar gering, aber sie würde das Gefühl von Freiheit genießen. Wer wusste schon, wie lange es noch dauerte, bis ihre erste Blutung einsetzte und ihrem bisherigen Leben ein Ende setzte?

In Gedanken schon im Wald außerhalb der Kreismauer, fiel ihr Blick auf Brandina, die vor dem Eingang eines der weiter entfernt stehenden Langhäuser saß.

Nicht viel älter als Szanoa war sie erst kürzlich, nach dem großen Treffen der Kreise, hier her gekommen. Sie lebte mit Modin zusammen und machte keinen unglücklichen Eindruck. Vor ihrem Bauch, der schon nach wenigen Monden beträchtlich anschwoll, hielt sie einen Korb auf den ausgestreckten Beinen, an dem sie den Henkel verknotete.

Szanoa wollte gerade den Blick abwenden, da trat Modin aus dem Portal und legte Brandina von hinten die Hände besitzergreifend über die knospenden Brüste. Diese ließ sich lachend in seine Arme fallen und folgte ihm kichernd durch den Eingang ins Haus.

Angewidert biss Szanoa auf die Unterlippe. Allein die Vorstellung von Mggrado so angefasst zu werden und sich nicht wehren zu können, verängstigte sie.

Nicht, dass sie nicht wüsste, was zwischen Mann und Frau vorging. Das Leben im Langhaus barg nur wenige Geheimnisse. Sie lauschte in der letzten Zeit nicht selten den Geräuschen, die von der Schlafstelle ihrer Eltern nachts zu ihr herüber drangen. Ihre Mutter schien nichts Unangenehmes dabei zu empfinden, wenn ihr Vater sich zu ihr legte, im Gegenteil, sie stöhnte begierig auf, sobald er sie nur anfasste.

Doch allein bei der Vorstellung, dass Mggrado sich ihr näherte, verspürte Szanoa nur Abwehr und Ekel.

Wie er sie angesehen hatte beim letzten großen Treffen der Kreise! Szanoa war es eiskalt den Rücken herunter gelaufen.

Nein, sie mochte ihn nicht. Nicht seinen musternden Blick, der über ihren Körper strich, nicht die überhebliche Art, die ihr eindeutig zeigte, dass sich einiges ändern würde, wenn sie erst in seinem Kreis und bei seiner Sippe leben würde.

Nachdem das Seil eingerollt auf seinem Platz lag, sammelte Szanoa die übrig gebliebenen Fasern zusammen und warf sie in den länglichen Korb an der Turmmauer neben dem Brennholz.

Als sie sich umdrehte, stand Lellana schon vor dem Eingang des Langhauses. Lächelnd hielt sie die Schleuder und Steinbeutel in der Hand.

Voller Dankbarkeit hauchte Szanoa ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange. Im nächsten Augenblick lief sie wie gehetzt auf das nördliche Tor zu. Alle Gedanken an Mggrado und die düsteren Aussichten, ihr Dasein an seiner Seite fristen zu müssen, waren vergessen.

Übermütig holte sie einen Stein aus dem Beutel, legte ihn in die Schleuder, fixierte ihr Ziel – und traf.