Mallorca – hin und nicht zurück – Leseprobe

Kapitel 1

Bitte lass das nicht mein Gesicht sein!, flehte ich inständig, doch ein erneuter Blick in den Spiegel bestätigte meine schlimmsten Befürchtungen. Die rote Nase, die verquollenen Augen und die strähnigen Haare, alles meins! Auch das halbe Stündchen Mittagsschlaf hatte nichts an meinem verheerenden Aussehen geändert. Zu allem Überfluss klingelte es in diesem Augenblick. Sollte ich jetzt, verheult wie ich war, zur Tür gehen, oder es besser bleiben lassen? Es klingelte erneut, also machte ich mich seufzend auf den Weg nach unten und öffnete die Tür.

Vor mir stand Sigrid. Von Beruf Kosmetikerin und gut gelaunt, wie immer.

»Hey, meine Süße!«, flötete sie mir entgegen und stürmte, mit ihrem Kosmetikköfferchen bewaffnet, an mir vorbei in die Küche. »Habe ich mir doch fast gedacht, dass ich dich in diesem Zustand vorfinden würde. Also – du hast auch schon mal besser ausgesehen.«

Herzlichen Dank! Alles, was mir fehlte, war die ehrliche Meinung einer guten Freundin. Ein wenig charmanter hätte sie sich durchaus ausdrücken können.

»Willst du einen Kaffee?«, fragte ich lustlos.

»Wenn ich so herzlich dazu eingeladen werde, wie könnte ich da nein sagen.« Sigrid verdrehte die Augen und ließ sich auf einen der Stühle sinken. »Lisa, bitte, ich verstehe ja, dass das alles nicht einfach für dich im Moment ist, aber ich ertrage es nicht, dich länger in diesem Zustand zu sehen.«

Bitte keine Standpauke! Und noch weniger einen gut gemeinten Aufmunterungsversuch einer, wenn auch noch so guten, Freundin. Gereizt schob ich eine Tasse unter den Kaffee-Automaten und drückte heftig auf den Einschaltknopf. »Ich bin einfach ein bisschen fertig, das wird schon wieder«, versicherte ich mit einem erzwungenen Lächeln und wartete, bis die Tasse voll war.

»Ja, spätestens heute Abend«, grinste Sigrid.

Ich stellte die Tasse auf dem Tisch ab und sah ihr drohend in die Augen. »Ich gehe nicht auf diese blöde Jubiläumsfeier, falls es das ist, was du andeuten möchtest!«, sagte ich entschieden und wandte mich trotzig ab, um mir auch einen Kaffee zu machen. »Willst du Milch und Zucker oder bist du gerade wieder auf Diät?«, fragte ich boshaft über die Schulter.

»Hey«, rief Sigrid beschwichtigend, »ich komme in Frieden! Und Milch und Zucker wären prima, danke.«

Seufzend nahm ich meine Tasse, stellte Milch und Zucker auf den Tisch und ließ mich Sigrid gegenüber auf den Stuhl fallen. Super, dass mein Sohn Felix nach dem Mittagessen mal wieder das Haus verlassen hatte, ohne den Tisch abzuräumen. Angewidert schob ich den Teller mit den restlichen Spaghetti zur Seite.

»Tut mir leid«, entschuldigte ich mich kleinlaut, »aber ich könnte glatt reinhauen.«

»Dann tu das doch endlich mal! Meine Güte Lisa, dem Mistkerl solltest du spätestens jetzt eine Lektion erteilen. Wer hat ihm denn all die Jahre den Rücken freigehalten? Wer hat die ganzen Immobilien an Land gezogen, die Leute bequatscht, den Kundenstamm aufgebaut, wenn nicht du?«

Sigrid zog die Brauen in die Höhe und blickte tadelnd über das Chaos in meiner Küche. »Das bist nicht mehr du, Lisa. Und daran, meine Liebe, werden wir gleich etwas ändern.«

Ja, danke. Und weiter? Ich war wirklich nicht in der Stimmung über Leo und diese Jubiläumsfeier zu diskutieren. Leider schien das meine beste Freundin nicht im Mindesten zu interessieren.

»Hopp, hopp, nimm den Kaffee mit nach oben, und ab in die Badewanne!«

Nach diesen Worten schnappte sie sich erst ihr Köfferchen, dann die Kaffeetasse und stand nun wartend vor mir. In High Heels, eng sitzendem kurzen Rock und dem dazu passenden Pullover mit tiefem Ausschnitt, der einen Blick auf ihr makelloses Dekolleté freigab.

Ich holte tief Luft und starrte sie mit zusammengekniffenen Augen an. »Ich gehe da heute Abend nicht hin!«, zischte ich aufgebracht; auch wenn mir der Gedanke an eine heiße Badewanne keineswegs unangenehm war. Zumindest würde ich mich danach wieder wie ein Mensch fühlen.

Sigrid war derweil durch die Küchentür entschwunden, und schon hörte ich ihre Absätze auf den Steinfliesen der Treppe klackern. »Ich habe eine traumhafte Badelotion dabei, und die Haare wasche ich dir auch, meine Süße. Kopfmassage, du verstehst schon … Da gehen alle Sorgen flöten. Kommst du?«

Welche Chance hatte ich jetzt? Keine. Ich kannte Sigrid lange genug. Sie würde erst Ruhe geben, wenn sie erreicht hatte, weshalb sie vorbeigekommen war.

Schwerfällig erhob ich mich und setzte mich in Richtung Badezimmer in Bewegung. Schon auf der Treppe hörte ich das Wasser in die Wanne fließen, und als ich das Bad betrat, stand eine lächelnde Sigrid vor mir. »Ausziehen, reinlegen und entspannen, bitte schön! Ich bereite derweil das Schlafzimmer für die Nachbehandlung vor.« Sprach´s und rauschte ab.

Ich warf meine Klamotten samt und sonders in den Wäschekorb neben die Waschmaschine, und kurz darauf lag ich im warmen Wasser, mit Bergen von Schaum vor meiner Nase.

Irgendwie hatte Sigrid recht. Mein Selbstmitleid brachte mich nicht im Geringsten weiter. Leo war ausgezogen, Punkt! Zu unserer Sekretärin, noch mal Punkt! Ja, genau zu der Sekretärin, die ich so liebevoll eingearbeitet hatte.

Leider hatte sich Sybille dafür aber nicht liebevoll bei mir bedankt, sondern sich liebevoll an meinen Mann rangeschmissen, der sie ebenso liebevoll in sein Herz geschlossen hatte und schließlich vor vier Wochen ausgezogen war. Einfach so. Ich war ihm egal, das Haus war ihm egal, unsere Kinder waren ihm egal.

Du bemitleidest dich schon wieder, schoss es mir durch den Kopf, und ich schloss die Augen. Lisa Berger ertrank im Selbstmitleid, na klasse! Dabei kam es mir gerade wie gestern vor, dass ich mir mit Leo vor all den Jahren die alte Schreinerei angesehen hatte, in der wir unser Immobilienbüro eröffnen wollten. Wir hatten Träume gehabt und ungeduldig darauf gewartet, endlich mit der Arbeit beginnen zu können. Die Umbauarbeiten dauerten nicht lange, und bald konnten wir, wenn auch in kleinem Rahmen, beginnen.

Zwanzig Jahre war das jetzt her.

Ein Jahr nach der Eröffnung wurde ich schwanger. Leo war überglücklich gewesen und wollte sofort heiraten. Bei unserer Hochzeit hatte ich dann Tom kennengelernt, Leos besten Freund und seinen Trauzeugen, der nach dem Studium einige Zeit in Spanien verbracht hatte. Nicht lange nach der Hochzeit stieg er mit in die Firma ein.

Von da an war es stetig aufwärts gegangen. Der Verkauf und die Vermietungen von hochwertigen Wohnimmobilien im Großraum Köln liefen besser an, als wir uns das jemals erträumt hatten, und drei Jahre später eröffneten wir die erste Niederlassung in Sitges, einem kleinen Badeort in der Nähe von Barcelona. Bald darauf folgten weitere Filialen.

Ich öffnete die Augen und starrte traurig auf den Badeschaum. Leo. Dieser Bär von einem Mann, der, als unsere Tochter Melissa schon acht Jahre alt war, zum zweiten Mal Vater wurde, und einen vor Vergnügen quietschenden Felix, durch die Luft gewirbelt hatte. Die immer ein wenig zu langen braunen Haare, die ihm bis fast auf die Schultern fielen und die so langsam an den Schläfen die ersten hochinteressanten grauen Strähnen aufwiesen, die braunen Augen, sein liebevolles Lächeln. Und immer hatte er eine Frau an seiner Seite gehabt, die – das musste man mir wohl lassen – Arbeit, Familie, Haus und diverse andere Kleinigkeiten, die täglich anfielen, spielend unter einen Hut bekommen hatte. Hier eine Hausbesichtigung mit einem Kunden, zwischendrin schnell das Essen zubereiten und anschließend, auf dem Weg ins Büro, eben noch Melissa und Felix beim Fußballtraining, der Klavierstunde oder wo auch immer abliefern. Ich hatte stets alles im Griff gehabt. Bis Leo meinte, diese Sekretärin einstellen zu müssen …

Wie hatte mein inzwischen zehnjähriger Sohn beim Mittagessen so abgebrüht gesagt? »Du musst nicht traurig sein, Mama. Ich finde jedenfalls, es ist irre friedlich geworden, seit Papa bei der Simmerlein ist. Dem sind wir doch nur noch auf den Keks gegangen, und gestritten haben wir sowieso wegen jedem Käse.«

Liebevoll hatte er mich in den Arm genommen und mich ganz fest gedrückt. »Weißt du, meine Freunde halten dich alle für ganz jung und finden, dass du toll aussiehst.« Er zögerte kurz und grinste mich frech an. »Gut, sie haben dich heute nicht gesehen, ein Glück − aber du könntest dich locker auch wieder verlieben.«

Bei der Erinnerung an diese Bemerkung musste ich wider Willen lachen, und der Badeschaum kitzelte an meiner Nase. Mal eben verlieben. Wenn das so einfach wäre. Ich war verliebt. In meinen eigenen Mann.

Aber der ist nun mal leider nicht in dich verliebt, antwortete meine innere Stimme und wischte das selige Lächeln von meinen Lippen. Schon wieder spürte ich Tränen in meine Augen schießen.

»Kann ich reinkommen?«, rief Sigrid von draußen und klopfte an die Tür.

»Hmmm«, brummte ich zur Bestätigung und öffnete die Augen. Doch bei ihrem Anblick erstarrte ich. »Was ist denn das in drei Teufels Namen?«, fragte ich alarmiert.

»Teebeutel, meine Liebe«, klärte Sigrid mich munter auf. »Um genau zu sein: Schwarzer Tee. Hat mich ´ne Weile Sucherei gekostet, sie in deiner Küche zu finden, ist aber das Allheilmittel gegen verquollene Augen schlechthin. Also, mach die Äuglein zu, der Rest ergibt sich ganz von alleine!«

Nein, gegen Sigrid war kein Kraut gewachsen, und wenn diese Teebeutel nur halb so entspannend sein würden, wie das von ihr verordnete heiße Bad, konnte es nur besser werden. Ergeben schloss ich die Augen und genoss die warmen Teebeutel auf meinen Lidern.

»So, jetzt die Haare unter Wasser!«, ordnete Sigrid herrisch an, »ich hatte dir ´ne Kopfmassage versprochen.«

Vorsichtig, damit die Teebeutel nicht ins Wasser rutschen konnten, ließ ich mich tiefer in die Wanne gleiten, bis meine langen, blonden Haare nass waren. Hinter mir setzte sich meine »Freundin in der Not« auf den Klodeckel und verteilte ein exklusiv riechendes Shampoo auf meinem Kopf. Hände legten sich über meinen Scheitel, und Finger massierten sanft meine Kopfhaut. Fast glaubte ich, zu schweben, doch die Wirklichkeit holte mich schnell wieder ein.

»Wir finden tatsächlich alle, dass du heute Abend kommen solltest, Lisa«, bemerkte Sigrid entschieden und massierte mir kräftig den Nacken. »Es ist schließlich nicht nur Leos Jubiläum, sondern auch deins! Außerdem kannst du uns nicht alle einladen und dann einfach nicht erscheinen, so geht das wirklich nicht, meine Liebe. Mal davon abgesehen, dass es ja unter anderem auch deine Kunden sind, die dort auflaufen. Da wirst du doch Byllilein nicht den Triumph lassen, sie alle zu begrüßen, als hätte sie nicht nur deinen Mann übernommen, sondern die Firma gleich mit, oder?«

Obwohl mir echt nicht danach zumute war, musste ich kichern. »Sie heißt Sybille, nicht Byllilein, Sigrid.«

Diese verstärkte den Druck ihrer Finger auf meiner Kopfhaut und massierte mich geradezu göttlich hinter den Ohren. »Sybille heißen Frauen von Format, liebste Lisa«, flüsterte meine Freundin hinter mir gehässig. »Tussen aber, die sich an den Mann meiner Freundin heranmachen, heißen bei mir nur Byllilein, verstehst du.«