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Einige von Euch haben mich nach dem nächsten Mallorca-Buch gefragt,
deshalb möchte ich Euch hier mein aktuelles Werk vorstellen.

 

Prolog

Talayot - die vergessenen Türme MallorcasDie Sichel des Mondes verblasste im milchigen Licht der aufkommenden Morgendämmerung, als die Novizinnen und Priesterinnen aus ihren Hütten und Häusern traten, um auf den steinernen Stufen vor dem heiligsten der Heiligtümer Aufstellung für die Hymne des beginnenden Tags zu nehmen. Auch Szanoa reihte sich in die Schar der Frauen ein.

„Du begibst dich auf die oberste Stufe und übernimmst die erste Stimme“, ordnete die Hohepriesterin an, und Szanoa folgte der Anweisung.

Erfüllt von Zufriedenheit beobachtete Maggruda ihre Nachfolgerin. Das war die Szanoa, die sie kannte. Voller Ausstrahlung und Magie. Die glänzenden dunklen Haare fielen in Kaskaden über ihren Rücken, der Überwurf aus feinstem Wildleder wies an den Rändern all die geheimnisvollen Zeichen auf, die sie inzwischen gelernt hatte und umhüllte sanft die Rundungen ihres aufrechten Körpers.

Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne vertrieben die letzten Schatten der Nacht, als die Priesterinnen einstimmig zu ihrem Morgengesang anhoben. Anfangs sang Szanoa noch im Einklang mit den anderen, bis sich ihre Stimme klar und kraftvoll über den Chor erhob. Die Schicksalsschläge der vergangenen Zeit hatte die junge Frau gut verkraftet, sie hielt den Kopf wieder aufrecht. Die Wolke der Unsicherheit, die sie eingeschlossen hatte, wie düstere Nebelschwaden die sich über die Landschaft legen, war gewichen.

Gerade wollte Szanoa Luft holen, um erneut in den Gesang einzustimmen, da verharrte sie unvermittelt in ihrer Bewegung. Die Arme leicht angehoben, löste sich kein Ton aus ihrer Kehle. Wie versteinert starrte sie in den blassen Morgenhimmel.

Was war das?

Was sah sie da?

Schnell und schneller liefen Bilder vor ihrem geistigen Auge ab, die sich erst in Ungläubigkeit, dann in blankem Entsetzen auf ihrem angespannten Gesicht zeigten.

Maggruda erbleichte. Die zukünftige Hohepriesterin des heiligsten der Heiligtümer hatte durch die Gnade der Göttin die Gabe des Sehens erhalten. Doch was wurde der jungen Frau gewahr, das sich in Form von derartigem Entsetzen in ihren panisch aufgerissenen Augen spiegelte?

Der Gesang der Priesterinnen verebbte wie eine zurückweichende Welle am großen Wasser und eine bedrohliche, undurchdringliche Stille legte sich über den heiligen Berg. Gebannt sahen die Novizinnen und Priesterinnen zu Szanoa auf, die, die Hände zu Fäusten geballt, zu einem durchdringenden Schrei ansetzte.

„Neiiiin!, schrie sie voller Verzweiflung. In ihren Augen stand schiere Panik. „Nein! Im Namen der heiligen Mutter, tu das nicht! Im Namen meiner Liebe, das darf niemals geschehen!“

Sprachlos und von einer bangen Vorahnung ergriffen, verfolgte Maggruda das Ereignis. Die Züge ihrer Nachfolgerin waren zu einer Maske des Grauens verzogen, ehe Szanoa aufschluchzte, ihren Überwurf raffte und wie von Sinnen in Richtung der steinernen Stufen stürmte, die hinab in die Ebene führten.

 

 

***

 

 

Gedankenverloren lehnte Mona sich zurück und blickte aus dem Fenster des Flugzeugs. Unter ihr bauschten sich die Wolken wie Berge von Zuckerwatte. Wo die Wolkendecke aufriss, war undeutlich die Südküste Frankreichs auszumachen. In Kürze würden sie das Mittelmeer überfliegen.

Es war eine gute Idee gewesen Hamburg für eine Weile den Rücken zu kehren. Mona bereute nichts. Spontan war sie in ein Reisebüro gegangen, um nicht lange danach mit einem Ticket und der Buchungsbestätigung für ein kleines Haus, irgendwo in der Inselmitte Mallorcas, wieder auf die Straße zu treten.

Träge schloss sie die Augen. Heute war Sonntag. Morgen käme ein Montag ohne Zeitplan und diesem würde ein Dienstag folgen, an dem sie auch noch nichts Konkretes vorhatte. Absolut göttlich diese Vorstellung. Keine aufgezwungenen Dinner-Verabredungen und keine Restaurantbesuche mit Hedwig von Thielen, die ihren Adrenalinspiegel auf ein bedrohliches Maß ansteigen ließen. Und kein Paul, der über ihr Leben bestimmte.

Mit einem entspannten Stoßseufzer ließ Mona sich tiefer in den Sitz gleiten. Die Entscheidung ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen war längst überfällig gewesen.

Völlig entspannt nickte sie ein. Das Rauschen der Triebwerke wurde leiser und wich bald darauf gänzlich aus ihrem Bewusstsein.

Sogar im Schlaf war sie sich darüber im Klaren, dass sie diesen Traum seit langer Zeit nicht mehr geträumt hatte. Plötzlich, in einer mondhellen Nacht, stand er vor ihr, dieser Mann. Wie der Fetzen einer Erinnerung, die sich nicht vertreiben lassen wollte. Bilder, die ihr deutlich und verschwommen zugleich vorkamen.

Wie immer sah sie ihn nur von hinten. Die braungebrannten Schultern, die langen Haare, die in blonden Wellen über seinen Rücken fielen. Dann hörte sie Worte, die er ihr abfällig entgegen schleuderte, die sie jedoch nie verstand. Dennoch trafen sie sie wie Peitschenhiebe und ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Mona hatte das Gefühl alles, was ihr lieb und teuer war, zu verlieren.

Fröstelnd kam sie zu sich. Die Stimme aus dem Bordlautsprecher informierte die Passagiere, dass die Landung unmittelbar bevor stand.

Mona beugte sich seitlich zum Fenster. Unter ihr rauschten Dächer, grüne Wiesen und Felder vorbei, und der Albtraum aus Kindertagen verblasste. Urlaub, abschalten und Erholung, dachte sie, genau das würde ihr sicher gut tun.

Mit einem Ruck setzte die Maschine auf und bremste stark ab. Einige Männer im hinteren Bereich des Flugzeugs johlten lautstark über den schönen Westerwald und Mona verzog abfällig den Mund. Von wegen Westerwald. Die Fotos im Reiseprospekt waren eindeutig gewesen. Ein kleines Haus auf halber Höhe eines Berges mit freier Sicht auf das Tal und Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe.

Das Flugzeug kam zum Stillstand.

Nachdem die Triebwerke verstummt und die Türen geöffnet worden waren, reihte sie sich in die Menge der zur Tür drängenden Menschen ein. Am Ausgang verabschiedeten zwei freundlich lächelnde Stewardessen die Gäste.

Auf der Außentreppe fiel Mona grelles Sonnenlicht ins Gesicht. Die Temperaturen waren zwar nicht übermäßig warm, kamen einem schönen Frühlingstag aber schon recht nahe. Sie war gerade die letzte Stufe herunter gekommen und hatte das Rollfeld betreten, als ihr seltsam schwindelig wurde. Ein leichtes Kribbeln strich über ihre Kopfhaut und sie sah benommen zu dem wartenden Bus hinüber, der vor ihren Augen zu flimmern begann und sich schließlich gänzlich auflöste.

Erst nur schemenhaft, danach zunehmend deutlicher, konnte sie eine Frau vor einer Mauer aus riesigen Felssteinen ausmachen. Hoch gewachsen und von dunkler Hautfarbe, trug sie außer einem kurzen ledernen Schurz und Sandalen nichts am Leib. Wie ein Trauerflor wehten ihre schwarzen Haare im Wind.

Langsam hob die Frau den rechten Arm an, und die Strahlen der Sonne brachen sich in einem breiten Bronzereif, der ihren rechten Oberarm umspannte. Mit zornig aufloderndem Blick streckte sie dem Himmel einen blutverschmierten Dolch entgegen und rief mit gellender Stimme Worte in einer Sprache, die Mona noch nie gehört hatte. Dann wandte sie sich ab, wälzte einen Felsbrocken, der neben einer Art Durchgang lag, beiseite und vergrub den Dolch. Nachdem sie den Stein zurückgerollt hatte, verschwand sie durch die Öffnung im Inneren der Mauer.

Das Bild löste sich auf.

„Geht es Ihnen gut?“, fragte die Stewardess, die Mona gefolgt war. „Brauchen Sie vielleicht Hilfe?“

Noch immer stand Mona regungslos auf dem Rollfeld. Der Bus wartete offensichtlich nur auf sie. Und da war nichts. Keine Frau, keine Mauer, gar nichts.

Fahrig schüttelte sie den Kopf. „Nein, nein danke, es ist alles bestens.“ Gequält lächelte Mona die Stewardess an und lief anschließend hastig auf den Bus zu.

Mit zitternden Knien stieg sie ein. Die Türen fielen hinter ihr zu und das Fahrzeug setzte sich in Bewegung. Halt suchend umfasste ihre Hand den Griff an einem der Sitze. Was war das eben gewesen?

Um ihr Nervenkostüm konnte es nicht zum Besten bestellt sein, wenn sie schon anfing wirre Bilder in flimmernder Luft zu sehen. Stand sie etwa kurz davor den Verstand zu verlieren?

Ihr Entschluss, sich einfach eine Auszeit zu verschaffen, war demnach völlig richtig gewesen. Sie war tatsächlich urlaubsreif.

 

 

***

 

 

Nach einer kurzen Fahrt hielt der Bus vor dem Terminal und Mona schulterte ihren Lederrucksack. Sie folgte der Menge durch die endlosen Gänge zum Gepäckband, das sich ratternd in Bewegung setzte. Es dauerte nicht lange, da fand sie ihren Koffer und begab sich in Richtung der gläsernen Schiebetüren. Jetzt musste sie nur noch die Autovermietung finden, bei der sie einen Wagen reserviert hatte.

Das Gepäck lag verstaut Kofferraum, die ausgebreitete Mallorca-Karte auf dem Beifahrersitz. Urlaub, Sonne, Strand und Meer, was konnte man sich mehr wünschen, dachte Mona, während sie sich in den Verkehr auf der Autobahn einfädelte. Zwar war es auch hier noch lange nicht Sommer, aber nach diesen endlosen Wochen im diesigen Grau des Hamburger Schmuddelwetters war sie regelrecht dankbar für ein bisschen Licht.

Bald kamen die ersten Hotels an der Strandpromenade in Sicht und sie glaubte das Meer förmlich riechen zu können. Fast bedauerte sie es in diesem Augenblick ein wenig, sich für das ruhige Hinterland entschieden zu haben.

Bei der Abfahrt in Richtung Manacor verlassen Sie die Autobahn, hatte in den Unterlagen gestanden, und so bog sie auf die gut ausgebaute Landstraße ab, die parallel zum Flughafen und den Start- und Landebahnen verlief. Auf den umliegenden Feldern streckten sich die Türme unzähliger Windmühlen in den strahlend blauen Frühlingshimmel. Manche von ihnen Ruinen gleich, andere restauriert und wiederhergestellt. Behäbig drehten sich die blau-weißen Flügel im sanften Wind. Mona verliebte sich sofort in diesen Anblick.

Weiter zog sich die Straße durch eine Ebene, bis sie sich nach einer Abzweigung langsam ansteigend den Berg hinauf schlängelte. Zartrosa und weiß schimmerten die Blüten der Mandelbäume über der rostroten Erde der Mandelplantagen.

Nein, das hier war ganz sicher nicht die Südsee und auch nicht Griechenland. Hier gab es keinen Chauffeur, der die Mitglieder der Familie von Thielen vom Flughafen abholte, um sie zu ihrer luxuriösen, hinter einer Mauer abgeschotteten Villa mit Blick aufs Meer zu bringen. Das hier war Mallorca, und genau die Art von Urlaub, die Mona vorschwebte.

Sie war fast eine halbe Stunde gefahren, als sie eine Stadt erreichte, die sich über einen Bergrücken erstreckte. Montuïri, las sie auf dem Ortsschild. Wenn sie das auf der Karte richtig gesehen hatte, konnte es von hier aus nicht mehr weit sein.

Die Sonne stand bereits schräg am Himmel und tauchte die Landschaft in goldenes Licht. Sie durchfuhr ein weiteres Tal und der kleine Ort Sant Joan lag direkt vor ihr.

Das Dorf, dessen überdimensionale Kirche sich mächtig über die Dächer der Häuser erhob, zog sich den Hügel hinauf, auf dessen Kuppe eine alte Mühle an längst vergangene Zeiten erinnerte. Der Ort selbst wirkte verschlafen, wenn nicht gar verlassen. Weit und breit war kein Mensch auf den Straßen zu sehen, nur ein kleiner schwarzer Hund trottete auf dem Bürgersteig vorbei.

Die ausführliche Beschreibung des Reisebüros erwies sich in den engen Seitengassen als wahrer Segen und Mona fand das mallorquinische Stadthaus, in dem sie ihre Vermieter kennenlernen sollte, ohne sich verfahren zu haben.

Sie parkte den Wagen, nahm den Rucksack vom Beifahrersitz und stieg aus. Inzwischen war es deutlich abgekühlt und sie zog den Kragen ihrer Jacke enger um den Hals.

Die grünen Fensterläden des zweistöckigen Sandsteinhauses waren allesamt geschlossen. Neben der Lamellentür am Eingang gab es zwar kein Namensschild, aber immerhin eine Klingel. Nochmals überprüfte Mona die Hausnummer auf der Buchungsbestätigung und betätigte den Knopf.

Kein Laut drang aus dem alten Gemäuer, doch schließlich wurde die Lamellentür geöffnet, und eine Frau, schätzungsweise in den Fünfzigern, trat ihr entgegen. Der dunkelblaue Hausanzug betonte ihre mütterliche Figur und das strahlende Lächeln in dem rundlichen Gesicht gab Mona vom ersten Moment an das Gefühl, willkommen zu sein.

„Sie müssen die deutsche Señora sein, die unsere kleine Finca gemietet hat?“, sagte die Mallorquinerin und gab Mona mit einer winkenden Geste zu verstehen, sie möge eintreten. „Bienvenido. Sprechen Sie Spanisch?“

„Ja“, bestätigte Mona und betrat die hohe Eingangshalle, die von einem wuchtigen Kronleuchter erhellt wurde. „Ich bin Mona Meisner, hier ist meine Buchungsbetätigung.“

Hinter ihr zog die Frau die Tür zu und schloss die Glastür des Windfangs. Lachend winkte sie ab.

„Willkommen auf Mallorca. Die Buchungsbestätigung brauche ich nicht. Haben Sie Mona gesagt? Ich bin Magdalena“, stellte die Frau sich vor und strahlte.

„Und das ’Sie’ benutzen wir hier auf dem Land so gut wie nie. Jeder kennt jeden. Es würde das Leben nur unnötig komplizieren. Außer bei älteren Menschen, da ist es schon angebracht“, fügte sie hinzu. „Komm mit ins Wohnzimmer, es ist kalt. Hast du Probleme gehabt uns zu finden?“

„Nein gar nicht“, antwortete Mona und folgte Magdalena durch eine gläserne Schwingtür in einen Raum, der ebenso hoch war, wie zuvor die Eingangshalle.

Das Haus hatte von außen so schlicht und schmucklos gewirkt, diese Pracht im Inneren hätte sie nicht erwartet. Vor den weiß verputzten Wänden standen antike Möbel und im Zentrum des Zimmers befand sich ein großer Esstisch, dessen Holzmaserung speckig glänzte. Eine geklöppelte Spitzendecke zierte seine Mitte, auf der eine Vase mit voll erblühten, gelben Lilien stand.

Mona folgte der Mallorquinerin zum Kamin an der Stirnseite des Raumes, wo knisternd ein Feuer brannte.

Magdalena deutete auf einen der zwei Schaukelstühle. „Nimm Platz. Es ist ganz schön kalt“, bemängelte sie und rieb ihre Hände aneinander.

„Vorhin am Flughafen war es noch angenehm warm.“ Mona ließ ihren Rucksack zu Boden gleiten und setzte sich.

„Ja, tagsüber geht es auch, wenn die Sonne scheint und man ein windgeschütztes Plätzchen erwischt. Aber sobald sie hinter den Häusern verschwindet, wird es ungemütlich.“

Magdalena legte ein weiteres Holzscheit auf das prasselnde Feuer, bevor sie sich in dem zweiten Schaukelstuhl niederließ.

„Wir warten nur noch auf meinen Mann, der müsste gleich kommen. Wie fahren mit dir hinaus zur Finca. Es ist zwar nicht weit, aber du würdest es vielleicht nicht finden. Außerdem will ich dir zeigen, wo das Kaminholz ist und wie alles funktioniert. Es ist lausig feucht um diese Jahreszeit und du solltest schon am späten Nachmittag das Feuer anmachen, damit es abends angenehm ist.“

„Ich werde daran denken“, antwortete Mona lächelnd.

Magdalena stand nochmals auf und verschwand durch eine weitere Tür im hinteren Bereich des Hauses.

„Ich muss nur schnell etwas holen“, rief sie und kam nicht lange danach mit einer Korbtasche zurück.

„Heute ist Sonntag. Deshalb habe ich dir die nötigsten Sachen besorgt. Ein bisschen Kaffee, Wasser, Milch und Brot eben. Und ein paar Eier. Was du sonst noch brauchst, kannst du ja morgen kaufen, der kleine Supermarkt ist gleich hier vorne um die Ecke. Ach – den Wein hat mein Mann dazugelegt. Er dachte, für den ersten Urlaubsabend wäre das angebracht. Er ist sehr stolz auf unsere mallorquinischen Weine.“

„Was schulde ich dir?“, fragte Mona gerührt.

„Das ist schon in Ordnung“ winkte Magdalena entschieden ab.

Die gläserne Wohnzimmertür schwang auf und ein Mann betrat den Raum.

„Hola, ich bin Miguel“, stellte er sich vor. „Wartest du schon lange?“

„Nein, überhaupt nicht. Ich heiße Mona und bin im Urlaub. Da habe ich es nicht eilig.“

Miguel nahm seine Schirmmütze vom Kopf und fuhr sich durch die silbergrauen Haare. „Das gefällt mir“, lachte er. „Nichts schlimmer als Menschen, die der Zeit hinterher hetzen. Ich habe draußen in der Casita schnell Feuer gemacht, damit du es gleich warm hast.“

„Das ist meine Rettung!“, seufzte Mona theatralisch. „Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich in meinem Leben noch keinen Kamin angefeuert habe.“

„Das macht nichts“, versicherte Miguel großmütig. „Anfänger sollten mindestens genauso viel Kaminanzünder zur Verfügung haben wie Brennholz. Dann wird das schon“, fügte er zwinkernd hinzu.

Mona konnte sich nicht daran erinnern je zuvor von völlig Fremden so herzlich aufgenommen worden zu sein.

„Ich werde an die Anzünder denken, wenn ich einkaufen gehe.“

Magdalena erhob sich aus dem Schaukelstuhl, der leise knarrend vor und zurück wippte. „Wir sollten zur Finca fahren. Es wird noch früh dunkel und ich möchte, dass du den Weg noch im Hellen siehst.“

„Gerne“, stimmte Mona zu und stand ebenfalls auf.

Magdalena übernahm die Korbtasche mit den Lebensmitteln und Mona schwang ihren Rucksack über die Schulter, bevor sie den sympathischen Mallorquinern hinaus auf die Straße folgte.

Vor ihrem Leihwagen parkte inzwischen ein klappriger alter Kastenwagen mit heruntergekurbelten Fenstern, dessen Tür abzufallen drohte, als Miguel sie schwungvoll hinter sich zuwarf.

„Wenn wir ins Campo fahren nehmen wir die alte Furgoneta“, rief er, während er den rasselnden Motor startete und in die Mitte der schmalen Gasse fuhr, damit seine Frau einsteigen konnte.

„Fahr einfach hinterher, es ist nicht weit.“

Mona folgte dem Kastenwagen in Richtung Ortsausgang.

So ein Glücksfall. Das war ja fast als käme man gute alte Freunde besuchen.

Inzwischen wurde es langsam dunkler und das Tal, in das sie einbogen, lag im dämmrigen Zwielicht. Düster ragten die Bäume des Waldes in den von Wolken verschleierten Himmel. Kurz darauf setzte Miguel den Blinker und bog in einen schmalen Feldweg ein. Behäbig schaukelte Mona in ihrem Wagen über den holprigen Weg, der sich, gesäumt von steinernen Mauern, den Hang hinauf zog.

Etwa auf halber Höhe erreichten sie ein offenes Holztor, an dem auf einem verwitterten Holzschild Ca´n Mateu zu lesen war. Die Einfahrt führte über einen schmalen Kiesweg zu einem kleinen Häuschen, neben dem eine ausladende Palme stand. Dort stellte Mona ihren Wagen ab und stieg aus.

Überwältigt hielt sie den Atem an. In einem Abendrot, das auf jeder Postkarte kitschig gewirkt hätte, versank die Sonne glutrot hinter den Gipfeln des majestätischen Bergmassivs auf der gegenüberliegenden Seite der Insel. Die Wedel der Palme rauschten im aufkommenden Abendwind, der die dunklen Wolken wie im Zeitraffer über den flammenden Abendhimmel schob.

„Das ist ein Traum!“ Begeistert sah Mona sich um.

„Wir sind früher öfter mit den Kindern hier gewesen. Komm, ich zeige dir das Haus. Es ist nicht groß, aber gemütlich“, forderte Magdalena sie auf und betrat die kleine Veranda, wo unter dem Schutz eines abgeschrägten Vordachs ein Holztisch und zwei Stühle standen.

Miguel hatte inzwischen die verwitterte Holztür des alten Steinhauses geöffnet.

„Lauft ihr zwei ruhig schon vor“, sagte er und streckte die Hand aus. „Wenn du mir den Schlüssel gibst, hole ich deine Sachen aus dem Wagen.“

Mona bedankte sich, reichte ihm den Autoschlüssel und ging mit ihrer Vermieterin ins Haus.

Im Eingangsbereich befand sich eine kleine Küche, deren Natursteinwände bis etwa auf halbe Höhe weiß gekachelt waren. Auf der hölzernen Ablage der Unterschränke stand ein Korb frischer Orangen, auf den schlichten Holzregalen darüber stapelte sich Geschirr. Über dem Gasherd, neben einer alten Porzellanspüle, hingen Töpfe und Pfannen an hölzernen Keilen, die in den Mauerritzen steckten. Auch hier stand ein kleiner runder Holztisch mit zwei Stühlen.

„Ich finde es sehr schön“, sagte Mona und folgte Magdalena durch einen Rundbogen in ein kleines Wohnzimmer, wo das Feuer bereits im Kamin flackerte.

In einer Nische neben der Feuerstelle lag gestapeltes Brennholz bereit und mitten im Raum befand sich ein abgenutztes Sofa mit verblasstem Blumenmuster vor einem niedrigen Couchtisch.

Mona ließ ihren Rucksack von der Schulter auf die Terracottafliesen gleiten.

Vom Wohnzimmer aus führte eine weitere Tür ins Schlafzimmer, wo Schaffelle auf dem Steinboden lagen, der im Sommer sicher angenehm kühl unter den Füßen sein würde. Über dem rustikalen Doppelbett lag ein hellbrauner Überwurf, passend zu den Vorhängen der Fenster. Die Türen eines antiken Schrankes standen offen, genau wie der Deckel einer alten Truhe neben dem Kopfende des Bettes. Eine kleine, blütenförmige Hängelampe warf helles Licht in den Raum. Im Geist sah Mona sich schon entspannt hier liegen und lesen. Auch in diesem Zimmer knisternde ein Feuer im Kamin.

Miguel brachte den Koffer herein und stellte ihn neben der Truhe ab. Er öffnete eine Tür, hinter der ein kleines Bad zum Vorschein kam.

„Das Bad ist hinten angebaut. Hier befindet sich die einzige Heizung im Haus, alles andere musst du mit Holz anfeuern. Warmes Wasser kommt über den Gasboiler, der sich hinter dem Haus im Anbau befindet. Die Gasflasche habe ich gerade ausgewechselt. Wenn du nicht jeden Abend ein Vollbad nimmst, reicht die erst einmal für eine Weile. Ich bringe dir in den nächsten Tagen noch eine Ersatzflasche.“

Magdalena legte Mona den Arm um die Schulter. „Wenn du alles hast, was du brauchst, lassen wir dich in Ruhe auspacken. Sollte etwas fehlen, kommst du einfach bei uns vorbei.“

„Ich bin wirklich froh, hier zu sein“, bedankte Mona sich und schloss ihre Gastgeberin spontan in die Arme.

Miguel hob zum Abschied die Hand. Bald darauf verschwanden die Lichter des klapprigen Wagens hinter der Einfahrt und Mona stand allein auf der Veranda. Wie schwarze Schatten ragte die Silhouette der Berge am Horizont in die dunkler werdende Nacht.

Von einem Gefühl großer Dankbarkeit erfüllt, schlenderte sie die Auffahrt hinab und schob das verwitterte Holztor zu. Dann rannte sie übermütig ins Haus und schloss die Tür.

Sie würde auspacken, sich ein paar Rühreier in die Pfanne hauen, noch ein Glas Wein trinken und vor dem Kamin in aller Ruhe lesen.

Den Vorfall auf dem Rollfeld hatte sie längst vergessen.

 

 

***

 

 

Als Mona am nächsten Morgen erwachte, fühlte sie sich so gut wie lange nicht mehr. Ein Blick auf den Wecker zeigte, dass es kurz vor acht war.

Träge ließ sie ihre Beine aus dem Bett gleiten und tänzelte, schlotternd vor Kälte, auf Zehenspitzen in die Küche. Das Haus war stark abgekühlt, die Feuer erloschen.

Rasch setzte sie Wasser für den Kaffee auf und flitzte ins Schlafzimmer, wo sie sich einen dicken Pulli über ihr Flanell-Nachthemd zog und nach ein paar Wollsocken suchte. Es würde sicher Sinn machen, erst einmal das Feuer im Wohnzimmer zu schüren, bevor sie sich noch eine Lungenentzündung holte.

Mona schob die Asche vom letzten Abend unter dem Kaminrost beiseite und legte dünneres Holz und ein paar frische Scheite auf. Eingedenk Miguels Ermahnung ging sie verschwenderisch mit den Kaminanzündern um; tatsächlich entflammten sich die dünneren Hölzer sofort und wohlige Wärme schlug ihr entgegen.

Fröstelnd rieb sie ihre kalten Hände aneinander. Zu Hause saßen die Kollegen um diese Uhrzeit schon im Büro und gingen ihrer Arbeit nach. Auch Paul würde sicherlich, korrekt gekleidet wie immer, bereits in der Firma sein.

Bei dem Gedanken mit ihm zusammen in diesem Häuschen zu wohnen, musste sie wider Willen kichern. Paul in seinem seidenen Schlafanzug hier in dieser kalten Hütte? Ohne Mikrowelle, Kaffeemaschine und Zentralheizung? Und ohne eine Haushälterin, die das Frühstück servierte? Na, da hätte der Tag ja gut angefangen!

Das Wasser für den Kaffee brodelte in dem kleinen Topf und Mona suchte nach einer Kanne und einem Filter, häufte Kaffee in die Tüte und goss Wasser auf. Anschließend öffnete sie die Persianas des kleinen Fensters über der Spüle, dessen Scharniere leise quietschten.

Dichter Nebel lag über dem Tal. Sie konnte kaum bis zu der Mauer sehen, die das Grundstück eingrenzte. Gespenstisch hingen die Äste der kahlen Feigenbäume in der diesigen Suppe und kalte Morgenluft wehte ins Haus herein.

Schnell schloss Mona das Fenster und rubbelte sich mit den Händen über die Oberarme. Es war zwar kalt, aber es regnete nicht. Immerhin ein Anfang.

Es dauerte nicht lange, da lag das Schaffell aus dem Schlafzimmer vor dem Kamin, der Beistelltisch war herangezogen und sie saß, eine wärmende Decke um die Schultern gelegt, mit ihrer Kaffeetasse und einer Scheibe Brot in der Hand, im Schneidersitz vor dem Feuer.

Sie hatte das Brot gerade aufgegessen und die Tasse auf dem Tischchen abgestellt, da fiel ihr der Vorfall auf dem Flughafen ein.

Nachdenklich schweifte ihr Blick zu den brennenden Holzscheiten und im gleichen Moment glaubte sie, die Gesichtszüge jener Frau, die sie am Vortag zu sehen geglaubt hatte, zu erkennen. Jünger schien sie ihr, fast kindlich. Heute stand sie im hellen Sonnenlicht und drehte Grasfasern ineinander.

Mona erschauerte, als hätte ihr jemand eine kalte Hand auf den Hals gelegt.

Das konnte nicht sein!

Eine völlig normale Frau im einundzwanzigsten Jahrhundert hatte keine Erscheinungen. Nicht auf Flughäfen und auch nicht in einem Kaminfeuer!

Dennoch folgten weitere Bilder. Wie in einem Film; und wieder hörte sie Stimmen in einer Sprache, die sie nicht kannte, aber dennoch verstand…

 

 

***

 

 

Szanoa stand vor dem Haus und drehte abwesend die eingeweichten Binsenfasern ineinander.

Ihr hoch gewachsener brauner Körper glänzte. Die Hüften waren von einem ledernen Schurz bedeckt, der die noch knabenhafte Statur des Mädchens betonte. Schwarzes, welliges Haar fiel über ihre schmalen Schultern bis zur Taille hinab. Flink bewegte sie die feingliedrigen Finger. Sie brauchte sich auf das Drehen der Fasern nicht zu konzentrieren. Schon früh lernten die Kinder des Kreises, wie man Seile herstellte.

Hinter Szanoa ragte der mächtige Aussichtsturm über den Kronen der knorrigen Steineichen in den Sommerhimmel. Die Langhäuser innerhalb der steinernen Kreismauer wirkten verlassen.

Kaum ein Laut war zu hören. Nur das monotone Summen der Fliegen und das Gegacker der Hühner durchdrang die gedämpfte Stille des späten Vormittags. Selbst die Schafe und Ziegen standen träge in ihren hölzernen Pferchen, als wäre ihnen jede Bewegung bei dieser Hitze zu viel. Außer den Alten, Schwangeren und einigen Mädchen in Szanoas Alter, waren fast alle Mitglieder des Dorfes nach der ausgiebigen Morgenmahlzeit in den Steinbruch gezogen.

Immer noch außer sich, strich Szanoa sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und trat einen Schritt rückwärts, um das grobe Seil anzuspannen. Es wollte ihr einfach nicht in den Kopf, wieso Mädchen ab einem gewissen Alter nur für die Arbeiten im Langhaus und auf den Feldern zuständig sein sollten. Was gab es da für sie noch zu lernen? Schließlich hatte ihre Mutter frühzeitig damit begonnen, sie mit dem normalen Tagesablauf vertraut zu machen. Szanoa wusste, wie man Felle gerbte, die Mahlzeiten zubereitete, wie die Felder bestellt wurden. Kein Knochen beim Schlachten, der nicht schon in Gedanken die Gestalt einer Nadel oder eines Schmuckstücks annahm. Keine Sehne, bei der sie nicht auf den ersten Blick erkennen würde, ob sie besser zum Nähen geeignet wäre, oder um einen Bogen damit zu bespannen.

Nein, es gab überhaupt keinen einsichtigen Grund, warum sie bei Anbruch des Tages nicht mit ihrem Vater und ihren Brüdern zusammen auf die Jagd hatte gehen dürfen.

Die Steinbeutel und ihre Schleudern über die Schultern gehängt, waren die Männer beim ersten Anzeichen der Dämmerung guter Dinge davongezogen.

Die dunklen Brauen missmutig zusammengezogen, blickte Szanoa zu ihrer Mutter Lellana hinüber, die im Schatten der ausladenden Zweige eines Haselnussstrauchs saß und einen gerade fertig gestellten tönernen Tiegel zu den anderen Töpfen und Schalen stellte. Fast zärtlich strichen ihre lehmverkrusteten Finger über das vollendete Werk.

Auch sie war nur mit einem kurzen Schurz bekleidet, der das fortgeschrittene Stadium ihrer vierten Schwangerschaft deutlich hervorhob. Genau wie Szanoa, hatte sie dichte schwarze Haare, die in geflochtenen Zöpfen über ihre prallen Brüste fielen.

Als ob sie gespürt hätte, dass sie beobachtet wurde, hob Lellana ihre Hand vor die Stirn, um die Augen vor dem grellen Sonnenlicht zu schützen. Sie erwiderte den Blick ihrer Tochter, und ein nachsichtiges Lächeln glitt über ihre Züge.

Der Gesichtsausdruck Szanoas wirkte nach wie vor störrisch und verschlossen. Für viele Mädchen war es nicht einfach, sich damit abzufinden, dass sie alt genug waren, den Kreis der Eltern zu verlassen. Nur damit, dass Szanoa sich so heftig sträuben würde, hatte Lellana nicht gerechnet.

Seufzend erhob sich sie von dem Ziegenfell und ging mit langsamen Schritten auf ihre Tochter zu.

Gackernd stoben die Hühner auseinander und wirbelten eine Wolke feinen Sandstaubs über dem kargen Felsboden auf.

„Kleine Tochter“, setzte Lellana mit liebevoller Stimme zum Sprechen an, „wenn die Göttin gewollt hätte, dass du als Junge geboren wirst, würdest du dann wie eine fast erwachsene Frau vor mir stehen?“

Szanoa stampfte heftig mit dem Fuß auf und trat einen Schritt zurück, um die Schnur ruckartig anzuspannen, während sich ihre Finger wie von alleine weiter bewegten.

„Ich verstehe es nicht“, antwortete sie eigensinnig. „Wieso kann ich nicht mehr zum Jagen gehen, nur weil ich ein Mädchen bin?“

Kopfschüttelnd legte Lellana ihr die Hand auf die Schulter.

„Weil die Aufgaben nun einmal so verteilt sind, wie sie verteilt sind.“

Szanoa hielt in ihrer Bewegung inne und sah ihre Mutter anklagend an. Alles Unverständnis, das sie empfand, spiegelte sich in diesem Blick.

„Ich werde es nie begreifen“, schimpfte sie aufgebracht. „Du schleuderst die Steine genau so gut wie jeder Mann und findest dich einfach damit ab, hier im Kreis zu leben und Kinder großzuziehen!“

Ruppig zog sie die Fasern unter ihrem linken Arm hervor und drehte sie noch schneller ein.

„Hast du denn keine Sehnsucht danach, den Sonnenaufgang außerhalb dieser Mauern zu sehen? Verspürst du niemals den Wunsch, die Nacht unter Sternen zu verbringen und die Schreie der Raubvögel zu hören?“

Erschrocken hielt sie inne. Es war nicht richtig, so mit ihrer Mutter zu sprechen.

Tief ausatmend nahm Lellana Szanoa das Ende des Seils aus der Hand und schlug geschickt einen Knoten in die noch feuchten Fasern. Anschließend lief sie schwerfällig auf die gegenüberliegende Hauswand zu, wo sie das dick gedrehte Seil an einem Holzkeil, der im Zwischenraum der groben Mauersteine steckte, befestigte, damit es sich nicht wieder aufrollen konnte.

„Komm, lass uns einen Moment hinein gehen, es ist schrecklich heiß.“

Unglücklich schaute Szanoa ihrer Mutter hinterher, die, ihre Hände schützend um den gewölbten Leib gelegt, in das Langhaus trat und folgte ihr lustlos.

Im Inneren herrschte angenehme Kühle. Nur durch den Rauchabzug in der Decke, die von einer tragenden Säule aus aufeinander gestapelten Felsklötzen gestützt wurde, fiel ein schwacher Lichtstrahl herein.

Hier ließ sich Lellana in die Hocke gleiten und lehnte ihren Rücken an den kühlen Stein.

„Wieso machst du dir das Leben so schwer, kleine Tochter?“, seufzte sie.

Szanoa warf in einer Geste der Hilflosigkeit die Hände hoch uns setzte sich in die Hocke. Nur mit Mühe konnte das Mädchen die aufsteigenden Tränen zurückhalten.

„Selbst mein Bruder Nagut durfte heute Morgen mit!“, sagte sie bitter. „Aber obwohl er inzwischen zehn Sommer alt ist, verfehlt er fast jedes Mal sein Ziel, wenn er die Schleuder nur anfasst. Vielleicht wäre es gerechter, wenn er hier bleiben würde, denn ich habe noch jeden Stein ins Ziel gebracht!“

„Oh, du heilige Mutter“, lachte Lellana auf und ein mitleidiger Ausdruck glitt über ihre Züge. „Als du noch zehn Sommer alt warst, durftest du ja auch mitgehen. Jetzt bist du bald eine Frau und da kommen andere Pflichten auf dich zu.“

Laut einatmend kam Szanoa auf die Füße und warf sich der Länge nach auf eines der Schafsfelle. Nachdenklich stützte sie den Kopf auf die Hände.

„Ich habe nichts gegen Pflichten, Mutter.“ In ihren Worten schwang ein trauriger Unterton mit. „Ich möchte nur einfach so weiterleben wie bisher! Ich will den Kreis nicht verlassen, bloß weil Vater mich Mggrado versprochen hat. Er macht mir Angst.“

Kaum zwei Sommer älter, war Mggrado zwar gutaussehend und stammte aus einem benachbarten Kreis, doch sein Blick spiegelte die ganze Verschlagenheit seines Wesens wieder. Die Vorstellung jeden Morgen an seiner Seite zu erwachen, erfüllte Szanoa mit Schrecken. Nichts mehr in ihrem Leben würde bleiben wie es war, wenn sie erst an seiner Seite ihr Dasein würde fristen müssen, daran gab es keinen Zweifel.

Entschlossen, nicht wie ein kleines Kind loszuheulen, wischte sie sich eine Träne von der Wange.

„Meinst du nicht, dass sich das gibt, wenn ihr euch besser kennt?“, fragte Lellana behutsam und eine steile Falte bildete sich zwischen ihren Augen.

Besorgt beobachtete sie das verzweifelt wirkende Gesicht ihrer Tochter. Erst in diesem Augenblick wurde ihr bewusst, seit wann sich das einst sonst so fröhliche Mädchen in diese verdrossene junge Frau verwandelt hatte.

„Nein“, wehrte Szanoa verbissen ab.

Die schwarze Mähne lag wie ein Schatten über ihren Schultern, ehe sie sich ruckartig aufsetzte und die Arme um ihre Beine schlang.

„Er hat mir bereits klar gemacht, dass ich, wenn ich erst Frau seines Langhauses bin, bestimmt nicht über dieselben Freiheiten verfügen werde, wie in meinem Kreis.“

„Du weißt, dass es zu einem Kampf käme, wenn Zab die Zusage an Mggrados Sippe zurückzieht“, warnte Lellana eindringlich.

Unglücklich vergrub Szanoa ihren Kopf zwischen den Knien.

„Ja Mutter, ich weiß. Und ich werde keine Schande über den Kreis bringen, das verspreche ich dir. Es ist entschieden und ich muss mich fügen. Aber das ändert nichts daran, dass ich es eigentlich nicht will.“

Die Inbrunst mit der Szanoa sprach, rührte Lellana tief. Sie selbst war als Pflegekind in diesem Kreis aufgenommen worden und hatte den Vater ihrer Kinder, Zab, von Kindesbeinen an gekannt. Sie konnte durchaus nachempfinden, welche Gefühle im Herzen ihrer Tochter tobten. Das Mädchen wusste nicht einmal genau was, außer der Tatsache, dass sie einem Mann übergeben werden würde, an Veränderungen auf sie zukam. Trotzdem machten ihr der unbeugsame Wille ihrer Tochter und ihre standhafte Weigerung, sich den üblichen Gebräuchen unterzuordnen, ein wenig Angst.

„Weißt du, manchmal wundere ich mich, wie sehr du meiner Mutter ähnelst, die du nicht einmal kennst“, seufzte Lellana und musterte ihre Tochter eindringlich.

„Maggruda hat sich den Gesetzen der Kreise auch nicht unterordnen wollen.“

Szanoas dunkle Augen blitzten auf und sie warf den Kopf in den Nacken.

„Ja, Maggruda ist frei. Sie geht auf die Jagd, wann sie es will und trifft ihre Entscheidungen alleine!“

Ernst besah Lellana ihre Tochter und bemerkte den verbitterten Zug um deren Mund. Manchmal fiel es ihr wirklich schwer, dieses Mädchen zu verstehen. Nicht jeder war für das entbehrungsreiche Leben im Heiligtum geschaffen. Nur wenige brachten die Fähigkeiten mit, die man brauchte, um der Muttergöttin dienen zu dürfen.

Ein Blick auf Szanoas verkniffene Lippen genügte um zu wissen, dass, egal was sie nun sagen würde, nicht unbedingt auf Verständnis stoßen würde.

„Maggruda ist einen entbehrungsreichen Weg gegangen. Schon als Kind bekam sie Visionen und Träume. Deshalb ist sie zu den weisen Frauen des Heiligtums geschickt worden, um dort zu lernen, mit ihrer besonderen Begabung umzugehen. Priesterinnen leben für die Göttin, nicht für die Familie, die Sippe. Deswegen bin ich auch bei Pflegeeltern groß geworden. Weil meiner Mutter der Ruf der Göttin mehr bedeutet hat.“

Der anklagende Unterton überraschte Szanoa. Seit sie denken konnte, hatte sie den Namen Maggrudas immer in Verbindung mit Hochachtung und Respekt vernommen. Dass Lellana das anders sehen könnte, wäre ihr nie in den Sinn gekommen.

Verunsichert sah sie zu ihrer Mutter hinüber, deren abwesender Blick sich im steinigen Boden verlor.

„Es tut mir leid, Mutter“, entschuldigte sich Szanoa ernst und schluckte. „Ich werde mich fügen.“

Lellana kam zu sich, und ein schwer zu deutender Ausdruck spiegelte sich in ihren Augen.

„Ist ja schon gut, mein Kind“, sagte sie versöhnlich und streckte Szanoa die Hände entgegen, um sich von ihr hochziehen zu lassen.

Mit einem schlechten Gewissen sprang Szanoa auf die Füße um Lellana aufzuhelfen.

„Vielleicht war es wirklich ein Fehler, dich ausgerechnet Mggrado, den du ja kaum kennst, zu versprechen. Aber es lässt sich im Nachhinein nicht mehr ändern.“

Zaghaft legte Lellana ihre Hände auf die Schultern ihrer Tochter und zog sie anschließend in die Arme.

„Komm“, forderte sie lächelnd, „beeil dich mit dem Seil. Danach kannst du meinetwegen die Schleuder nehmen und jagen.“

„Das würdest du erlauben?“ Szanoa strahlte vor Freude. „Alleine?“

Lellana nickte. „Obwohl es schon viel zu spät ist.“

Mutter und Tochter traten aus dem Haus. Die Sonne hatte den Zenit fast erreicht und die Hitze schlug ihnen wie eine Wand entgegen.

Flink hievte Szanoa den Bottich herbei und weichte das Endstück der inzwischen getrockneten Schnur darin ein. Nicht mehr lange und sie würde gehen können, um endlich das zu tun, was sie wollte.

Ihre Finger bewegten sich in Windeseile. Die Aussichten, um diese Zeit und bei dieser Hitze noch ein Tier vor die Schleuder zu bekommen waren zwar gering, aber sie würde das Gefühl von Freiheit genießen. Wer wusste schon, wie lange es noch dauerte, bis ihre erste Blutung einsetzte und ihrem bisherigen Leben ein Ende setzte?

In Gedanken schon im Wald außerhalb der Kreismauer, fiel ihr Blick auf Brandina, die vor dem Eingang eines der weiter entfernt stehenden Langhäuser saß.

Nicht viel älter als Szanoa war sie erst kürzlich, nach dem großen Treffen der Kreise, hier her gekommen. Sie lebte mit Modin zusammen und machte keinen unglücklichen Eindruck. Vor ihrem Bauch, der schon nach wenigen Monden beträchtlich anschwoll, hielt sie einen Korb auf den ausgestreckten Beinen, an dem sie den Henkel verknotete.

Szanoa wollte gerade den Blick abwenden, da trat Modin aus dem Portal und legte Brandina von hinten die Hände besitzergreifend über die knospenden Brüste. Diese ließ sich lachend in seine Arme fallen und folgte ihm kichernd durch den Eingang ins Haus.

Angewidert biss Szanoa auf die Unterlippe. Allein die Vorstellung von Mggrado so angefasst zu werden und sich nicht wehren zu können, verängstigte sie.

Nicht, dass sie nicht wüsste, was zwischen Mann und Frau vorging. Das Leben im Langhaus barg nur wenige Geheimnisse. Sie lauschte in der letzten Zeit nicht selten den Geräuschen, die von der Schlafstelle ihrer Eltern nachts zu ihr herüber drangen. Ihre Mutter schien nichts Unangenehmes dabei zu empfinden, wenn ihr Vater sich zu ihr legte, im Gegenteil, sie stöhnte begierig auf, sobald er sie nur anfasste.

Doch allein bei der Vorstellung, dass Mggrado sich ihr näherte, verspürte Szanoa nur Abwehr und Ekel.

Wie er sie angesehen hatte beim letzten großen Treffen der Kreise! Szanoa war es eiskalt den Rücken herunter gelaufen.

Nein, sie mochte ihn nicht. Nicht seinen musternden Blick, der über ihren Körper strich, nicht die überhebliche Art, die ihr eindeutig zeigte, dass sich einiges ändern würde, wenn sie erst in seinem Kreis und bei seiner Sippe leben würde.

Nachdem das Seil eingerollt auf seinem Platz lag, sammelte Szanoa die übrig gebliebenen Fasern zusammen und warf sie in den länglichen Korb an der Turmmauer neben dem Brennholz.

Als sie sich umdrehte, stand Lellana schon vor dem Eingang des Langhauses. Lächelnd hielt sie die Schleuder und Steinbeutel in der Hand.

Voller Dankbarkeit hauchte Szanoa ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange. Im nächsten Augenblick lief sie wie gehetzt auf das nördliche Tor zu. Alle Gedanken an Mggrado und die düsteren Aussichten, ihr Dasein an seiner Seite fristen zu müssen, waren vergessen.

Übermütig holte sie einen Stein aus dem Beutel, legte ihn in die Schleuder, fixierte ihr Ziel – und traf.

 

 

***

 

 

Benommen kam Mona zu sich. Das Feuer brannte noch, nur ihr Kaffee war inzwischen kalt geworden.

Trotz der Wärme, die ihr aus dem Kamin entgegen schlug, zitterte sie am ganzen Körper.

Es war also wieder geschehen.

„Mona, Mona“, flüsterte sie kopfschüttelnd vor sich hin.

Aber wieso bekam sie, seit sie auf dieser Insel gelandet war, diese seltsamen Visionen?

Da lief ein regelrechter Film vor ihrem geistigen Auge ab und sie hörte sogar die Stimmen dieser Menschen. Von der Sprache, die sie nicht kannte, aber dennoch verstand, einmal ganz abgesehen.

Verunsichert schlang sie die Arme um den Oberkörper und zog die Beine an. Schon befürchtete sie, irgendwelche wirren Geschichten zu träumen, doch es war nur die Angst, die sie zittern ließ.

Was sollte sie jetzt tun?

Einen Psychiater aufsuchen? Der würde sie glatt für verrückt erklären!

Dennoch hatte sie das Mädchen und seine Mutter gesehen. Sie war mit ihnen im Langhaus gewesen und hatte alles wie im realen Leben miterlebt. Konnte so etwas möglich sein?

Energisch stand Mona auf.

Sie war nicht verrückt! Gut, vielleicht ein wenig runter mit den Nerven. Wahrscheinlich war das eine durchaus verständliche Reaktion. Die Ereignisse der letzten Wochen setzten ihr wohl im Nachhinein mehr zu, als sie sich eingestehen wollte.

Schließlich musste sie nicht nur die Trennung von Paul verarbeiten, nein, ihren Job war sie auch los. Da sollte man schon mal leicht überreagieren dürfen, oder?

Die ersten Strahlen der Sonne fielen durch das kleine Küchenfenster, der Nebel lichtete sich allmählich. Es versprach ein schöner, sonniger Tag zu werden. Kein Wölkchen war am Himmel zu sehen und sie lief zur Haustür, die, beim Öffnen leise knarrend, aufschwang. Über dem Tal lösten sich die letzten Nebelschwaden auf und gaben die Sicht auf grüne Felder und die sich kurvig windende Landstraße frei.

Zögernd trat sie auf die noch im Schatten liegende Veranda. Es war schön hier und sie hatte Urlaub. Diese Visionen bedeuteten nichts. Es handelte sich sicherlich um Tagträume, mehr nicht.

Sie beschloss, einfach nicht mehr darüber nachzudenken.

Aus weiter Ferne drang das Geräusch eines Traktors herüber. Irgendwo zwitscherte ein Vogel. Wann war sie das letzte Mal in aller Ruhe spazieren gegangen?

Vor knapp zwei Wochen, im Regen, am Ufer der Elbe, beantwortete sie sich ihre unausgesprochene Frage mit einem Anflug von Zynismus.

Wieder kochte die Wut in ihr hoch.

Bis zum heutigen Tag stand Mona fassungslos davor, wie sehr sich Paul nach ihrer Verlobung verändert hatte. Er war regelrecht zum Macho mutiert und wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass eine Frau ihre Selbstständigkeit mit dem Überstreifen des Eheringes gänzlich aufgab, um sich den Vorstellungen ihres Mannes demütig und widerspruchslos unterzuordnen.

Als er ihr dann noch kategorisch mitteilte, dass sie wegen eines geschäftlichen Termins zuerst in die Flitterwochen fahren müssten, um anschließend zu heiraten, waren Mona endlich die Augen aufgegangen. Zum ersten Mal gestand sie sich ein, dass Pauls herrische Art sie in den Wahnsinn trieb und ihr die pompösen Hochzeitsvorbereitungen seiner Mutter die Luft abschnürten.

Bei der Erinnerung an ihre letzte Auseinandersetzung spürte sie, wie ihr Herz hektisch in ihrer Brust trommelte.

„Über Probleme, für die es keine andere Lösung gibt, braucht man nicht zu diskutieren, Mona“, hatte Paul überheblich entschieden. „Mein Entschluss steht. Wir fahren erst in die Flitterwochen und heiraten danach.“

„Ach!“

Mona hatte nach Luft geschnappt, wie ein Fisch auf dem Trocknen.

„Dass es vielleicht auch noch die Möglichkeit gäbe, den Hochzeitstermin zu verschieben, darauf bist du noch nicht gekommen, nein?“

„Und Mutter lädt die Gäste aus?“, konterte Paul, als hätte sie gerade den Verstand verloren. „Storniert die Reservierung im Restaurant? Bläst alles wieder ab? Ich bitte dich, Mona, das ist kompletter Blödsinn! Die Einladungen sind gedruckt und das Menü ist bis auf den letzten Gang bestellt. Wie stellst du dir das vor?“

Ihr war beim besten Willen nicht eingefallen, was sie darauf hätte erwidern sollen. Mutter, Mutter und nochmals Mutter.

Doch Paul, der gerade die Knöpfe seiner Manschetten öffnete und die Ärmel seines Hemdes hochschlug, setzte schon zum Sprechen an.

„Das Geschäft geht vor, und in die Südsee können wir immer noch reisen. Also habe ich die Buchung im Reisebüro bereits rückgängig gemacht.“

Mona öffnete den Mund um etwas zu erwidern, brachte jedoch keinen Ton hervor. Paul traf Entscheidungen, sie würde sich fügen. So einfach war das. Nie war er ihr selbstgerechter vorgekommen, wie in diesem Augenblick.

„Solltest du mir jetzt Vorwürfe wegen der Flitterwochen machen wollen, kann ich dich beruhigen.“

Paul wirkte ausgesprochen zufrieden.

„Weil so kurzfristig eine Umbuchung für die Südsee nicht mehr in Frage kam, habe ich für Samstag in vier Wochen Tickets nach Griechenland gebucht. Wie du weißt, haben meine Eltern dort ein Haus. Und Mutter meint, dass sie die Vorbereitungen bis dahin soweit abgeschlossen haben wird, dass sie uns begleiten kann.“

Mona schlug sich die Hand vor den Mund, um nicht laut aufzuschreien. Hatte sie da gerade richtig gehört? Hedwig von Thielen fand sogar die Zeit, sie zu begleiten?

Wie in Zeitlupe war sie vom Sofa aufgestanden und in ihre Schuhe geschlüpft, wobei sie Paul nicht aus den Augen ließ. Dieser erwiderte ihren Blick mit stoischer Gelassenheit.

„Mona“, drohte er und zog die Augenlider zusammen, „wir werden nicht wegen meiner Mutter streiten, das sage ich dir.“

„Nein“, hauchte sie am Ende ihrer Kraft, bevor sie aus dem Wohnzimmer gestürmt war.

Energisch schüttelte Mona den Kopf.

Hatte sie keine anderen Sorgen? Sie sah Fantasiegeschichten und zerbrach sich den Kopf über einen Mann, der längst nicht mehr zu ihrem Leben gehörte.

Das war alles nicht mehr ihr Problem und lag unter einer wahrscheinlich durchgehenden Wolkendecke, die den Himmel über Hamburg bedeckte.

Schade nur, dass mit der Trennung von Paul auch die Kündigung ihrer Stelle als Chefsekretärin in der Kaffee-Import-Gesellschaft seines Vaters einhergegangen war. Julius von Thielen, Seniorchef und Pauls Vater, vertrat entschieden die Ansicht, dass Mona mit seinem Sohn, nach dieser Trennung, nicht mehr würde zusammen arbeiten können. Immerhin hatte er ihr eine großzügige Abfindung gezahlt, ohne die sie heute sicher nicht auf dieser Insel weilen würde.

Mona ging ins Haus, um sich endlich anzuziehen.

Als sie kurz danach aus dem Bad kam, war das Holz fast heruntergebrannt. Sie schob die verbleibende Glut im Kamin weiter nach hinten, stellte Tasse und Teller in die Spüle und zog die Jacke über den dicken Pullover, den sie über der Jeans trug. Heute war Montag. Sie wollte ins Dorf fahren und ein paar Einkäufe erledigen. Spazieren gehen konnte sie später noch.

Und sie würde sich nicht sinnlos den Kopf zerbrechen. Weder über Paul, noch über diese Tagträume. Alles allerbest. Es war nichts geschehen, worüber sie sich auch nur im entferntesten Gedanken machen müsste.

 

 

***

 

 

Blinzelnd öffnete sie die Augen und legte zum Schutz gegen die Sonnenstrahlen die Hand über die Brauen.

Nicht zu glauben, es war gerade Anfang Februar und sie hatte der Versuchung nicht widerstehen können, den Liegestuhl aus dem kleinen Anbau zu holen, in dem auch der Gasboiler für das angrenzende Badezimmer hing. Hinter dem Haus war es windgeschützt und Mona lag faul auf der Liege, nur in Jeans und einen warmen Pullover gekleidet. Die Sonne schien ihr ins Gesicht.

Träge schielte sie auf das Buch, das zugeschlagen auf ihrem Schoss lag. Zwei Tage hatte sie dieser Schinken in Bann gehalten und sie war fast ein wenig traurig, nun das Ende zu kennen.

Ein Blick auf die Armbanduhr bestätigte ihre Vermutung, dass es bereits nach Mittag war.

Seufzend schwang sie die Beine von der Liege und ging ins Haus. Dort war es, im Vergleich zu draußen, regelrecht kalt. Allerdings stand die Sonne hoch am Himmel und würde in nicht allzu langer Zeit vorne auf die kleine Veranda scheinen, in deren windgeschützter Ecke sich der kleine Tisch befand. Die Vorstellung, ohne Jacke oder Schal draußen zu essen, war durchaus verlockend.

Lässig ließ Mona sich vor dem Kühlschrank in die Hocke sinken und inspizierte die Vorräte. Irgendwie war sie selbst zum Kochen zu entspannt, deshalb entschied sie sich der Einfachheit halber für eine Pizza aus dem Tiefkühlfach.

Schnell war das Gas im Backofen entzündet. Sie riss die Plastikverpackung auf und beschloss gut gelaunt schon zum Mittagessen ein Glas Wein zu trinken. Der Korken quietschte beim Herausziehen, dann lief die dunkle Flüssigkeit gurgelnd in das bauchige Weinglas.

Zwei Tage waren vergangen, in denen sie völlig normal Urlaub gemacht hatte. Keine Schwindelgefühle, kein Kribbeln auf der Kopfhaut und auch keine Frauen, die unvermittelt an irgendwelchen unmöglichen Orten auftauchten. Das war ausgesprochen beruhigend.

Dennoch ließ sie das Gesehene nicht mehr los.

Den äußeren Merkmalen nach musste es mehrere tausend Jahre her sein, trugen diese Menschen aus ihren Visionen nur Schurze aus Leder und schliefen auf Fellen.

Der Duft aus dem Backofen breitete sich inzwischen verlockend in der Küche aus. In Ermangelung eines geeigneten Hilfsmittels, zog sie die Pizza mit dem Brotmesser auf den Teller, stellte ihn auf das bereit stehende Tablett und ging nach draußen, wo sie sich mit einem Gefühl der Genugtuung auf den Stuhl sinken ließ. In Hamburg würden wahrscheinlich die Heizungen auf vollen Touren laufen, mutmaßte sie gut gelaunt und griff nach dem Besteck. Doch schon nach den ersten Bissen ließ Mona Messer und Gabel sinken.

Ob vielleicht in einem ihrer mitgebrachten Reiseführer ein Hinweis über die Steinzeit auf der Insel zu finden sein würde?

Kurzerhand zerteilte sie die Pizza in kleinere Teile, nahm ein Stück auf die Hand und stürmte ins Haus, um sich das erste Mallorca Buch zu schnappen. Kauend lief sie auf die Veranda zurück, schob den Teller beiseite und fand im Stichwortverzeichnis, wonach sie suchte.

In dem kurzen Text stand, dass es auf Mallorca vor fast dreitausend Jahren eine Megalith-Kultur gegeben hatte, deren Überreste heute in einem beklagenswerten Zustand seien.

Allerdings erstaunten Mona die Fotos: Runde Türme, Talayots genannt, aus großen, aufeinander geschichteten, geradezu gigantischen Steinen waren hier zu sehen. Manche der kleineren Blöcke hätten sicherlich zwei Männer problemlos in die Höhe stemmen können, andere wirkten erschlagend groß. Und diese Talayots auf den Bildern sahen dem Turm, vor dem sie Szanoa gesehen hatte, verdammt ähnlich.

Grübelnd stützte Mona den Kopf auf die Hand, schlürfte an ihrem Wein und griff abwesend nach einem weiteren Stück Pizza. Nochmals sprang sie auf, schleckte sich die Finger und wischte sie an den Hosenbeinen ihrer Jeans ab, um auch noch das andere Buch zu holen. Vielleicht würde sie darin mehr finden.

Der einzige Anhaltspunkt im Inhaltsverzeichnis des zweiten Mallorca-Führers war unter dem Stichwort Steinschleuderer vermerkt. Gespannt las sie, dass diese Balearides, wie die Griechen sie nannten, mit Schleudern, die aus Bast oder Palmfasern geflochten wurden, Steine, groß wie Hühnereier, über beachtliche Entfernungen zielsicher werfen konnten. Schon die Kinder übten sich in dieser Kunst und mussten hungrig bleiben, wenn sie nicht in der Lage waren, ihren Kanten Brot von einem Baum oder einem Felsen herunter zu schießen.

Argwöhnisch beäugte Mona das Stück Pizza in ihrer Hand und sah zu den Ästen des etwa zehn Meter entfernt stehenden Feigenbaums hinüber. Die Vorstellung, eben dieses Stückchen Pizza mit einer Schleuder – wie auch immer das funktioniert haben mochte – von hier aus zu treffen, ließ arge Zweifel in ihr aufsteigen. Sie wäre damals hundertprozentig verhungert.

Wenigstens bekam sie nun eine ungefähre Vorstellung davon, aus welcher Zeit ihre Visionen stammen könnten.

Allerdings fragte sie sich erneut, ob sie nicht eher an ihrem Verstand zweifeln sollte.

Aber wieso eigentlich? Schließlich hatte sie in der letzten halben Stunde ganz schön viel über Mallorca gelernt!

Einige dieser talayotischen Dörfer waren in ihrem Reiseführer beschrieben und Mona beschloss, gleich morgen loszufahren, um etwas mehr über die Vorfahren der heutigen Inselbewohner in Erfahrung zu bringen.

Summend stand sie auf und lief zum Wagen, um die Landkarte vom Beifahrersitz zu holen.

 

 

***

 

 

Der kleine Reisewecker klingelte.

Verschlafen fuhr Mona sich mit dem Handrücken über die Augen. Wieso klingelte ein Wecker? Sie hätte schwören können irgendetwas von Urlaub und ausschlafen geträumt zu haben. Suchend tastete sie nach dem Lichtschalter neben dem Bett.

Genau. Artà. Sie wollte ja in die Vergangenheit reisen.

Schlagartig hellwach sprang sie aus dem Bett und trippelte auf Zehenspitzen zur Truhe, auf der ihre Socken und der mollige Pulli bereit lagen.

Das dicke Holzscheit, das sie gestern Abend vor dem Schlafengehen im großen Kamin aufgelegt hatte, glühte noch, und so legte sie Äste und eine dünneres Scheit nach und warf sicherheitshalber noch ein Stück Anzünder dazu.

Als sie aus dem Bad kam und das Wohnzimmer betrat, war es angenehm warm.

Seit sie gestern diese wenigen Zeilen in den Büchern gelesen hatte, warfen vollkommen alltägliche Gegenstände neue Fragen auf. Ganz gleich ob sie das Licht anknipste oder eine Konservendose öffnete, die Bronzezeit ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Kein elektrisches Licht, kein fließendes Wasser in der Dusche und auch kein Gasherd, dachte sie, während sie ohne nachzudenken die Streichhölzer aus dem Regal nahm, um das Gas zu entzünden.

Noch völlig in Gedanken versunken, lief Mona zum Fenster, um die Läden zu öffnen.

Oh nein, das durfte nicht wahr sein! Draußen konnte man die Hand vor Augen nicht sehen.

Was würden die Menschen in der Bronzezeit bei so einem Wetter getrieben haben? Und viel wichtiger noch, wie konnten die Kinder bei dieser nebligen Suppe ihr Frühstücksbrot vom Baum schießen?

Die Sichtverhältnisse waren kaum besser, als sie eine Viertelstunde später die Tür hinter sich zuzog. Feucht und kalt schlug ihr die Morgenluft entgegen und es roch nach modrigem Laub. Die Zweige der Palme hingen gespenstisch im Dunst über dem Dach ihres Mietwagens, dessen Scheiben völlig beschlagen waren; erstickt drang das Krähen eines Hahnes zu ihr herüber.

Vorsichtig lenkte Mona den Wagen im Schritttempo durch die Schlaglöcher den holprigen Weg hinunter, dankbar, dass die hohen Mauern am Rande der Felder ihr zumindest eine Orientierungshilfe gaben.

Erst auf der Hauptstraße nach Manacor besserten sich die Sichtverhältnisse und die Sonne brach durch. Aufatmend gab sie Gas und setzte die Sonnenbrille auf.

Links und rechts der Landstraße lagen die Felder unter Nebelschleiern. Bizarr lugten an manchen Stellen schemenhaft Palmen oder die mächtigen Kronen der Aleppo-Kiefern heraus. Ein blassblauer Winterhimmel lag über den Gipfeln der niedrigeren Berge, die wie Inseln im Meer über der verschwommenen Landschaft wogten.

Gespannt auf das, was der vor ihr liegende Tag bringen würde, streckte sie die Arme aus und stemmte die Hände gegen das Lenkrad.

Konnte es wirklich sein, dass man jegliches Zeitgefühl verlor? Ihr Job in der Firma, Hamburg, ja sogar ihre gescheiterte Beziehung waren in weite Ferne gerückt. Sie wusste nicht einmal mehr mit Sicherheit zu sagen, welcher Tag heute war, und es spielte auch keine Rolle.

Überall erwachte der Frühling. In der kleinen Ortschaft, durch die sie gerade fuhr, standen in den Gärten Orangen- und Zitronenbäume, die voller reifer Früchte hingen.

Vor ihr zog sich die gut ausgebaute Straße außerhalb des Ortes weiter den Berg hinauf. Wälder und Wiesen rauschten vorbei, bis sie endlich die Bergkuppe erreichte, hinter der sie nach einer weiteren Kurve freien Blich auf Artà bekam.

Unter den Höhenzügen eines felsigen Bergmassivs erstreckte sich die Stadt über zwei Hügel. Überragt von den Zinnen einer Burg, erhob sich, etwas weiter unten am Hang, der Bau einer mittelalterlichen Kirche, der die umliegenden Häuser geradezu winzig erscheinen ließ.

Gespannt fuhr sie bergab und entdeckte direkt hinter dem Ortseingang ein Hinweisschild zu den Talayots von Ses Païsses.

Kurz danach führte eine schmale Straße hinter dem ehemaligen Bahnhof aus der Stadt hinaus, bis ein kleiner Wald und ein Hinweisschild auf die Ausgrabungsstätte in Sicht kam. Sie lenkte den Wagen durch das geöffnete Tor und parkte.

Vor einem kleinen Holzhaus saß ein älterer Mann auf einem Klappstuhl.

„Tickets gibt es bei mir“, rief er.

Mona schloss den Wagen ab, kramte im Gehen in ihrem Rucksack nach dem Geldbeutel und bezahlte den Eintritt.

Der Mann bedankte sich auf Spanisch und hielt ihr anschließend, wie selbstverständlich, eine Talayot-Broschüre auf Deutsch entgegen.

„Wenn Sie so lange hier arbeiten, wie ich“, erklärte er, „müssen Sie nach der Nationalität nicht mehr fragen. Man entwickelt irgendwann ein Gespür dafür. Folgen sie einfach der Beschilderung. Der Rundgang ist markiert.“

Ein schmaler Kiesweg wand sich unter den tief hängenden Ästen der Steineichen entlang. Die wild wachsenden Bäume und Sträucher erweckten nicht gerade den Eindruck einer gepflegten Museumslandschaft. Keine zehn Meter weiter wurde der Weg auf einmal breiter und Mona lief an einer Mauer aus gigantischen Steinen entlang, in der sich ein Durchgang befand. Fasziniert blieb sie stehen.

Quer über zwei aufrecht stehenden, steinernen Kolossen lag ein überdimensionaler Felsblock, unter dem sie mühelos würde aufrecht hindurch gehen können. Tatsächlich erinnerte sie dieser Eingang an das Tor, vor dem sie die Frau in ihrer Vision am Flughafen gesehen hatte.

Zaghaft trat sie näher.

Vorsichtig, mit einem fast bangen Gefühl, streckte sie die Hand aus, um behutsam, ja geradezu ehrfürchtig, über den kalten, zerklüfteten Stein zu streichen.

Im nächsten Moment schalt sie sich eine Närrin. Diese amateurhaften Nachforschungen entbehrten bestimmt nicht einer gewissen Spannung, aber sie durfte sich auch nicht zu sehr in diese Sache hinein steigern.

Dennoch erinnerte sie sich deutlich…

Langsam hob die Frau den rechten Arm an und die Strahlen der Sonne brachen sich in einem breiten Bronzereif, der ihren rechten Oberarm umspannte. Mit zornig aufloderndem Blick streckte sie dem Himmel einen blutverschmierten Dolch entgegen und rief mit gellender Stimme Worte in einer Sprache, die Mona noch nie gehört hatte. Dann wandte sie sich ab, wälzte einen Felsbrocken, der neben einer Art Durchgang lag, beiseite und vergrub den Dolch. Nachdem sie den Stein zurückgerollt hatte, verschwand sie durch die Öffnung im Inneren der Mauer.

Mona stand vor dem Tor und musterte prüfend die massiven Steine. Gegen wen mussten diese Menschen sich verteidigen, dass sie solche riesigen Schutzwälle benötigten?

Manche dieser Steine wiegen mehr als acht Tonnen, stand in der Beschreibung. Die Mauern sind an einigen Stellen bis zu dreieinhalb Metern breit und werden auf das erste Jahrtausend vor Christus datiert.

Leider nutzten schon die Römer die talayotischen Siedlungen wie einem Steinbruch. Insofern ist es kaum verwunderlich, wie wenig von diesen alten Orten übrig geblieben ist.

Mona passierte das Tor und folgte dem ausgeschilderten Weg.

Schwer hingen auch hier die Äste der Steineichen herab. Vögel zwitscherten in den Baumkronen und von den umliegenden Weiden klangen die Glocken der Schafe herüber.

An Ruinen und Steinbrocken vorbei, deren Bedeutung ihr verborgen blieb, folgte sie dem schmalen Pfad auf eine Anhöhe, deren Sandmassen die Überreste eines Turms zur einen Seite fast gänzlich verbargen.

Genau wie der äußere Mauerring bestand auch der Turm aus riesigen Felsbrocken, in deren Zwischenräumen und Spalten Grasbüschel und Unkraut wucherten.

Oben angekommen, bemerkte Mona, wie dick auch hier die Mauer war. Von der Außenseite bis zu dem kreisrunden Innenraum, der sich vor ihr auftat, betrug die Breite etwa zwei Meter. Weiter unten, im inneren Bereich, konnte sie die Überreste einer Säule erahnen, die aus übereinander gestapelten Gesteinsbrocken bestanden haben musste.

Staunend sah sie in die Tiefe, bevor sie erneut in der Broschüre blätterte.

Nach Meinung der Archäologen gehörte dieser mittlere Talayot und die angrenzenden Räume zu einem Gebäudekomplex des Stammesoberhauptes. Im unteren Teil des Innenraums verläuft zwischen zwei Strebepfeilern ein niedriger Gang, der den Talayot mit den umliegenden Gebäuden verbindet.

Dieses monströse Bauwerk war demnach durch Flure mit anderen Räumen verbunden gewesen?

Leider fand sie nicht mehr an brauchbaren Informationen und schlenderte weiter an den Mahnmalen einer Zeit vorbei, für die sich heute nicht einmal die Mallorquiner zu interessieren schienen. Geröll und wahllos umher liegende Steine machten das Voranschreiten schwierig, bis ein zweites Tor in der Außenmauer auszumachen war. Dort wo sich früher ein weiterer Eingang zu diesem Dorf befunden hatte, war der Durchgang durch heruntergestürzte Steine versperrt, die unter den Ranken wild wachsenden Efeus fast gänzlich verschwanden.

Wehmütig dachte Mona an die Bilder aus ihrer Vision. Hier hatten einmal Menschen gelebt. Aber nichts war von ihnen geblieben. Außer ein paar Steinen.

Enttäuscht beschloss sie, dass ihr dieser trostlose Einblick fürs Erste reichte und machte sich auf den Rückweg.

Kurz bevor sie das wuchtige Eingangstor in der Mauer erreichte, wurde ihr kalt, und die Umgebung begann vor ihren Augen zu flimmern.

Bitte nicht, flehte Mona inständig. Nicht hier. Nicht jetzt!

Doch schon verspürte sie das ihr bereits bekannte Kribbeln auf der Kopfhaut und ließ sich ermattet auf einen Felsblock sinken.

Der Ausgrabungsort verschwamm. Erst undeutlich, später zunehmend klarer, glaubte sie einen Steinbruch zu erkennen…

 

 

***

 

 

Die Sonne stand bereits schräg am Himmel. Mit einem lautstarken Knirschen löste sich der steinerne Brocken aus der Felswand. Die Männer zogen die hölzernen Keile aus dem klaffenden Spalt und warteten gespannt.

Aber der Koloss schwankte nicht einmal ansatzweise. Majestätisch ragte er in seiner ganzen Größe über den Rand des Abhangs.

Zab wischte sich den Schweiß von der Stirn und legte tief ausatmend Keil und Schlägel beiseite. Ein zufriedenes Lächeln breitete sich auf seinen markanten Gesichtszügen aus. Er genoss dieses Gefühl der Erhabenheit jedes Mal, wenn er dem Berg ein Stückchen abtrotzte.

Seit über einer Mondphase schuftete er, genau wie die anderen Mitglieder seines Kreises, im Steinbruch. Wenn sie weiterhin so gut vorankommen würden, konnte die Erweiterung der Kreismauer in wenigen Tagen abgeschlossen sein.

Er klopfte sich den Staub von den schwieligen Händen und drehte sich zu den anderen Männern herum.

„Das war ganz gut für den Anfang, mein Junge“, lobte er Slako, der zum ersten Mal direkt am Berg die Holzkeile in den Felsspalt treiben durfte.

Erfreut über dieses unerwartete Lob, sah der gerade zwölf Sommer alte Junge zu ihm auf. Er war von kräftiger Statur und wartete schon lange darauf, endlich wie ein richtiger Mann mitarbeiten zu dürfen, statt nur die Hilfsdienste zu verrichten. Seine dunklen Augen strahlten und die vollen Lippen verzogen sich zu einem befriedigten Lächeln.

„Loben kannst du den Bengel, wenn der Brocken auf der Mauer liegt“, brummte Llalg neben ihnen mürrisch und zog die buschigen Augenbrauen in die Höhe.

Er war ein Riese von einem Mann und das Spiel seiner Muskeln zeigte deutlich, dass er diese harte körperliche Arbeit gewohnt war. Die bereits ergrauten Haare, die sich über seiner grimmig in Falten gelegten Stirn schon lichteten, fielen strähnig über den kräftigen Hals, bis auf den massigen Rücken hinab.

„Jetzt will ich erst einmal sehen, ob er Kraft hat.“

Mit einer Behändigkeit, die man ihm bei seiner Körperfülle kaum zugetraut hätte, kletterte Llalg den steinigen Hang hinauf. Die scharfen Kanten der Felsvorsprünge spürte er unter der dicken Schicht Hornhaut an den Fußsohlen kaum.

Scheinbar mühelos schwang er einen Baumstamm mittlerer Größe, der weiter oben am Berg bereit lag, über die Schulter, machte sich forschen Schrittes an den Abstieg und rammte den Stamm kraftvoll in den Spalt, der zwischen der Felswand und dem abgetrennten Felsstück klaffte. Gewissenhaft prüfte der Riese, ob der Stamm in der Lücke festsaß, ehe er sich zu Slako umdrehte.

„Kippen“, befahl er knapp und verschränkte abwartend die Arme vor der Brust.

Leicht verunsichert lief der Junge los. Er wagte nicht zu widersprechen; Llalg war für seine Härte weit über die Grenzen des Kreises hinaus bekannt. Also hängte er sich mit seinem ganzen Körpergewicht an den Baumstamm und zerrte ihn so fest herunter, wie er nur konnte.

Doch erst nachdem Zab sich hinter ihm mit an den Hebel hängte und auch Llalg kraftvoll zupackte, ruckte der Baumstamm leicht nach unten. Knarrend ächzte das Holz unter der Schwere seiner Last. Aber noch immer geriet der Felsbrocken nicht ins Wanken.

Die Männer schnauften und zogen mit aller Kraft an dem Stamm, bis der Koloss endlich vornüber kippte und mit donnerndem Getöse den Abhang hinunter polterte. Die Wolke aus Sand und Staub, die er hinter sich aufwirbelte, erstickte die Jubelrufe der am Fuße des Berges wartenden Menschen.

Keuchend strich Slako sich die feuchte Mähne zurück. Vor seinen Füßen klaffte ein Loch in der Felswand. Schweiß rann ihm in Strömen über seinen nackten Rücken und bildete dunkle Flecken auf dem ledernen Schurz. Erwartungsvoll schaute er in Llalgs Richtung.

„Vergiss die Keile nicht und den Schlägel“, ermahnte dieser den Jungen nur grob, während er sich bückte, um sein eigenes Werkzeug aufzuheben.

In Slakos Augen spiegelte sich die ganze Enttäuschung, die er empfand. Röte schoss ihm in die Wangen und er biss sich gekränkt auf die Unterlippe, bevor er sich abwandte.

Zab konnte ein nachsichtiges Lächeln nicht unterdrücken. Er selbst hatte vor so vielen Sommern von Llalg das Brechen der Steine erlernt und erinnerte sich noch gut daran, wie oft er vergeblich auf ein Lob gewartet hatte, das er nicht bekam.

„Sieh zu, dass du nach unten kommst“, kommandierte Llalg weiter.

Slako nickte und setzte sich mit gebeugtem Haupt und hängenden Schultern in Bewegung.

„Und nachher kannst du lernen, wie man die Stämme setzt.“

Slako verharrte mitten in seiner Bewegung.

Es dauerte eine Weile, bis die Bedeutung dieser Worte zu ihm durchdrang. Wollte Llalg ihm die Stämme übertragen? Damit läge die Verantwortung für den Transport des Kolosses einzig und alleine bei ihm! Er ganz alleine wäre dafür zuständig, dass die gestutzten Baumstämme, über die man den Stein zum Zielort rollen wollte, rechtzeitig an der richtigen Stelle liegen würden. In diesem Moment dämmerte auch dem Jungen, welche Leistung Llalg ihm zutraute.

Übermütig hob er die Keile, die er gerade zusammen gesammelt hatte, siegessicher in die Höhe und jubelte auf. Aufgeregt wandte er sich ab und kletterte über die Felsen den Berg hinunter.

„Am Anfang schuften sie noch gerne“, brummte Llalg amüsiert und verzog den Mund. „Aber der Kleine wird seine Knochen heute Nacht spüren, das sage ich dir.“

„Genau wie wir alle“, erwiderte Zab lachend und hob seinen Schlägel auf.

Beide Männer machten sich an den Abstieg.

Ein Stück über ihnen begann bereits die nächste Gruppe, ihre Keile in den Stein zu schlagen. Sie mussten sich beeilen.

Am Fuß des Berges hatten die anderen Arbeiter die notwendigen Vorbereitungen zum Transport schon getroffen. Ein dickes Seil umspannte den Rumpf des Kolosses. Wie die Beine einer riesigen Spinne lagen die schweren Zugseile auf dem kargen Boden.

Zab und Llalg legten ihr Werkzeug beiseite und begaben sich zu den anderen Männern und Frauen. Auf Llalgs Kommando begannen alle, den schweren Brocken mittels der Seile so weit anzuheben, dass Slako den ersten kurzen Stamm darunter rollen konnte.

„Mach schneller, Junge“, rief Llalg donnernd, „da passen noch zwei weitere drunter. Und zwar bevor mir der Rücken durchbricht.“

Erschrocken lief Slako davon und schleppte eilends die zurechtgestutzten Stämme herbei.

„Wenn uns so etwas auf dem Weg passiert, nur weil du zu lahm bist, bringe ich dich eigenhändig um!“, drohte Llalg ungehalten, nachdem der Felsbrocken mit einem dumpfen Aufschlag auf den Stämmen gelandet war.

Mit grimmig verzogenen Mundwinkeln stützte er sich mit seinen schwieligen Händen auf dem Koloss ab, der ihm bis über die Hüfte reichte.

Slakos Lippen zuckten. Ihm war deutlich anzusehen, wie unangenehm ihm die Zurechtweisung war.

„Ich werde von jetzt an besser aufpassen“, versicherte er kleinlaut.

„Schon gut“, knurrte Llalg besänftigt. „Wirst es schon lernen mit der Zeit. Jetzt schaff die anderen Stämme her.“

Slako raste davon.

Auch Zab machte sich nun auf den Weg, um die Rinder einzuspannen, die am Rand des Waldes am Stamm eines Baumes festgebunden waren. Nachdem er die Ochsen vor die Zugseile gespannt hatte, nahmen die anderen Männer die Seile auf.

Störrisch warfen die Tiere die Köpfe in den Nacken, als wüssten sie genau, was ihnen bevorstand.

Alle warteten auf Llalgs Kommando, der das hintere Ende des Steines anschieben würde.

Der Riese stand jedoch mit vor der Brust verschränkten Armen untätig herum und warf einen prüfenden Blick in Slakos Richtung.

Der Junge richtete sich zu seiner vollen Größe auf.

„Ich werde dich nicht enttäuschen!“, versicherte er ernsthaft.

Llalg quittierte diese Äußerung mit einem abfälligen Grunzen und ließ die Arme sinken.

„Dann, los!“, brüllte er und warf sich mit seinem ganzen Gewicht gegen den Stein.

Die seitlich stehenden Männer hatten die Seile aufgenommen und warfen sich mit ganzer Kraft nach vorne. Zab, dessen Aufgabe es war, die Rinder zum Laufen zu bringen, stemmte die Füße in den Boden und lehnte den Oberkörper rückwärts. Das Seil straffte sich. Er ließ die Ochsen nicht aus den Augen, die laut aufbrüllten, aber schließlich begannen, die Last vorwärts zu ziehen.

Laut knirschend bewegten sich die hölzernen Rollen auf dem felsigen Boden, und endlich setzte sich der Koloss über die sich unter seiner Last drehenden Stämme, langsam in Bewegung.

Auf dem ausgemergelten Boden der abgewetzten Schneise wuchs schon lange kein Grashalm mehr. Außer Atem hastete Slako zurück und zerrte den letzten Baumstamm unter dem sich träge bewegenden Klotz heraus, stemmte den Stamm hoch, um sofort zum vorderen Ende des Zuges zu laufen, wo er den Stamm gerade rechtzeitig vor dem dröhnend vor sich hin rollenden Stein deponieren konnte, damit dieser nicht vornüber kippte.

Die glutrote Sonne war bereits zur Hälfte hinter den Bergen am Horizont verschwunden, als der Trupp den äußeren Bereich des Kreises erreichte.

Schweißgebadet zogen Zab und die Männer ihre Last zum schwierigsten Teil der zu bewältigenden Strecke. Eine mühsam aus Sand und Geröll aufgeschüttete Rampe führte von hier aus bis zum oberen Rand der Mauer und erforderte einen letzten Kraftakt, bevor der Koloss seinen endgültigen Platz finden würde.

Die Augen vor Anstrengung rot unterlaufen, stemmte Llalg kurz vor dem Ende der Rampe noch einmal seine blutende Schulter gegen den Stein.

„Zieht an!“, brüllte er am Ende seiner Kraft.

Ein letztes Mal warf sich Zab in die Seile und zerrte die Rinder bergauf. Die Männer beugten sich nach vorne und zogen an der Last, die an den zum Zerreißen gespannten Seilen hing. Brüllend warfen die Ochsen die Köpfe hoch und versuchten auszubrechen. Slako schleppte keuchend den voraussichtlich letzten Stamm an den höchsten Punkt der Rampe. Nur noch wenige Schritte trennten sie von Rand der Mauer.

Zab wusste, dass jetzt alles davon abhing, die Rinder zum Laufen zu bewegen, sonst wäre alle Mühe umsonst gewesen. Mit einem heftigen Ruck am Zugseil brachte er sie dazu, einen Satz zu machen. Sie stoben vorwärts, bis sie den höchsten Punkt des Mauerwerkes überschritten, wo der Felsbrocken mit einem lauten Knirschen von der letzten Rolle rutschte und polternd auf dem oberen Rand der Mauer landete.

Es war vollbracht.

Zab löste die Seile und zog die Rinder über die abschüssige innere Rampe zu ihren Pferchen.

Slako sank völlig außer Atem auf die Knie und schlang die Arme um seinen bebenden Oberkörper. Sein Herz schlug zum Zerspringen, seine Brust hob und senkte sich. Blut rann ihm über die Oberschenkel, wo die schroffe Rinde der Baumstämme die Haut abgeschürft hatte. Nie zuvor in seinem Leben war ihm vor lauter Anstrengung so übel gewesen. Dennoch zog er voller Zufriedenheit die Luft ein und sah erwartungsvoll in Llalgs Richtung.

Der Riese kam behäbigen Schrittes auf ihn zu. Das bullige Gesicht vom Staub verschmutzt, aber mit einem Lächeln auf den Lippen, brummte der ältere Mann voller Anerkennung:

„Ich habe gewusst, dass du es schaffen würdest.“ Schwer ließ er seine Pranke auf Slakos Schulter fallen. „Dass es allerdings so gut laufen würde, hätte ich nicht erwartet.“

Mit einem Schlag waren die Strapazen des vergangenen Nachmittags vergessen. Voller Stolz erhob Slako sich und streckte Llalg die Hand entgegen. Ohne zu zögern schlug der Ältere ein.

Damit war Slako durch seine außerordentliche Leistung in die Gemeinschaft der Männer aufgenommen.

Die umstehenden Mitglieder des Kreises brachen in ein beglückwünschendes Johlen aus und der Junge verneigte sich strahlend vor ihnen. Dann lief er zum Brunnen, um seinen Durst zu stillen.

Zab brachte gerade die Rinder in ihren Verschlag, als er jemanden schreien hörte.

Eine junge Frau lief auf die Kreismauer zu und rief seinen Namen. Es war Sazía. Sie kam aus der Richtung des Steinbruchs.

Alarmiert schaute Zab zu Llalg hinüber. Ein Blick genügte und beide Männer liefen los, der Frau entgegen.

Sazía musste die gesamte Strecke gerannt sein. Ihr Kopf war rot angelaufen und sie taumelte vor Erschöpfung. Llalg konnte sie gerade noch an den Oberarmen packen, ehe sie zusammenbrach.

„Tloxan“, stieß Sazía keuchend hervor.

Ihre Stimme war kaum ein Wispern, ihre Lippen vor Trockenheit rissig.

Jemand reichte Zab einen Wasserschlauch, den er entgegennahm, um der jungen Frau vorsichtig das erfrischende Nass zwischen die aufgesprungenen Lippen zu träufeln.

Stöhnend schlug Sazía die Augen auf.

„Tloxan“, gab sie nochmals röchelnd von sich und zögerte, weil sie nicht wusste, wie sie Zab erklären sollte, was geschehen war.

„Was ist mit Tloxan“, fragte Zab fordernd und fühlte Angst in sich aufsteigen.

Tränen liefen über die Wangen der jungen Frau.

„Es ging alles so schnell …“, schluchzte sie. „Der Stein ist nach dem zweiten Keil aus der Wand gebrochen und bergab gestürzt …“

Zabs Blick wurde starr und sein Mund verzog sich zu einer schmalen Linie. Nicht Tloxan. Nicht sein Ziehvater, der ihn wie seinen eigenen Sohn behandelt hatte. Das durfte nicht sein!

„Niemand konnte ahnen, dass sich dieser Klotz mit nur zwei Holzkeilen aus der Wand würde lösen lassen. Tloxan hatte sich so darüber gefreut“, fuhr Sazía ergriffen fort, „endlich einen würdigen Pfosten für das neue Tor des Südens gefunden zu haben.“

Kaum wagte Zab, seine schlimmste Befürchtung auszusprechen.

„Ist er…?“

„Nein“, stöhnte Sazía, „aber er ist schwer verletzt.“