Leseprobe „Brautkleid zu verschenken“

1. Kapitel

Ich trinke den letzten Schluck Kaffee und kann mich kaum daran erinnern, wann ich zuletzt so ausgiebig gefrühstückt habe. Genüsslich schlecke ich mir über die Oberlippe. Das weichgekochte Ei und die knackigen Brötchen, die ich dick mit Butter und Marmelade bestrichen habe, waren das Highlight meines Morgens.

Die Zeit des Kalorienzählens ist endgültig vorbei. Das habe ich ein für alle Mal hinter mir gelassen.

Ich räume den Tisch ab und verlasse die Küche. Dabei fällt mein Blick auf den Spiegel, der im Flur an der Wand hängt.

Meine Haare sind nicht mehr grell blondiert, sondern fallen in natürlich braunen Wellen in den Rücken. In meinem taubenblauen T-Shirt, der gebleichten Jeans und den Sneakers sehe ich wie eine völlig normale Siebenundzwanzigjährige aus. Das Model ‚Carla Johansen‘ gibt es nicht mehr. Endlich erkenne ich die Charlotte Hansen, die ich vor langer Zeit gewesen bin.

Jetzt fängt mein richtiges Leben an!

Nervös knabbere ich auf meiner Unterlippe. In zwei Wochen werde ich heiraten! Bei dieser Vorstellung tanzen Schmetterlinge in meinem Bauch.

Jan habe ich vor eineinhalb Jahren in meinem Lieblingscafé kennengelernt. Ein glücklicher Zufall brachte es mit sich, dass ich meinen Stuhl zeitgleich mit einem Mann zurückschob, der am Tisch hinter mir saß. Die Stuhllehnen krachten aneinander, und ich verlor den Halt.

Während ich auf meinen hohen Schuhen schwankte, spürte ich kraftvolle Hände, die meine Taille umfassten und deren Berührung wohlige Schauer durch meinen Körper jagte. Erschrocken hob ich mein Gesicht an und blickte zum ersten Mal in diese eisgrauen Augen, die mir strahlend entgegensahen.

Obwohl ich nicht gerade klein bin, überragte er mich um Haupteslänge, und ich brachte keinen Ton heraus. Dass mich ein Mann so umhaut, war mir lange nicht mehr passiert.

Nicht in der Lage, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, hatte ich stotternd eine Entschuldigung von mir gegeben und war mit hochrotem Kopf aus dem Café gestolpert.

Wochen sollten vergehen, in denen ich mich für mein kindisches Verhalten verfluchte. Der gutaussehende Mann mit den kurzen blonden Haaren und den markanten Gesichtszügen ging mir nicht aus dem Sinn.

Doch eines Morgens – zu welchen Launen ist das Schicksal fähig? – lief er mir wie zufällig im Supermarkt über den Weg, was mich komplett aus dem Gleichgewicht brachte.

Ob er mich wiedererkennen würde? Und wenn ja, wie sollte ich mich verhalten?

Sichtlich erfreut kam er auf mich zu. »Bitte, laufen Sie nicht davon!«, bat er mich inständig, und sein entwaffnendes Lächeln verwandelte meine Knie in Pudding. »Ich wollte Sie schon damals im Café fragen, ob Sie nicht Lust hätten, mit mir essen zu gehen.«

Mein Herzschlag beschleunigte sich bei diesen Worten, und mein Bauch zog sich sehnsüchtig zusammen.

Wie kann man Sehnsucht nach jemandem empfinden, den man überhaupt nicht kennt?

»Sie stürzen mich in tiefste Depressionen, wenn Sie mir einen Korb geben!«, legte er charmant nach und streckt mir seine Hand entgegen. »Jan de Vries«, stellte er sich vor. »Und mit wem habe ich das Vergnügen?«

Ich konnte kaum fassen, dass er nicht wusste, mit wem er es zu tun hatte. Auch wenn ich nicht unbedingt ein Top Model bin, habe ich einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. Mein Gesicht ziert nicht selten das Cover der Modemagazine und Illustrierten.

»Charlotte Hansen«, stellte ich mich mit meinem Mädchennamen vor, und wir verließen Seite an Seite den Supermarkt.

Ich erfuhr, dass Jan als Ingenieur auf einer Großbaustelle in den Vereinigten Arabischen Emiraten arbeitet, und das sich anschließende Essen erwies sich als ausgesprochen kurzweilig.

Von diesem Tag an trafen wir uns, wann immer es unsere Termine, die sich oft überschnitten, zuließen. Ich schwebte förmlich auf Wolken, weil Jan mir das Gefühl gab, eine ganz besondere Frau zu sein. Nach all den Jahren, in denen ich mich – wenn überhaupt – nur auf flüchtige Affären eingelassen hatte, verspürte ich auf einmal wieder das Bedürfnis nach einer festen Beziehung.

Jan ließ mir die Zeit, die ich brauchte, um Vertrauen zu fassen. Nie hat er mich bedrängt, mit ihm zu schlafen, doch als es geschah, stellte er sich als zärtlicher Liebhaber heraus. Meine anfängliche Zurückhaltung wich mehr und mehr einem sehnlichen Vermissen, wenn wir uns längere Zeit nicht sahen. Kaum ein Vierteljahr später fragte er mich, ob ich nicht mit ihm zusammen in seine Wohnung ziehen wolle.

Mit einem verträumten Lächeln auf den Lippen komme ich in die Gegenwart zurück und wende mich der Fensterfront zu.

Durch die hohen Glastüren, die in die Gaube unter dem Dach eingelassen sind, fällt helles Sonnenlicht auf die geölten Bodendielen. Von hier oben hat man einen traumhaften Blick über die Frankfurter Skyline. Die Strahlen der Sonne brechen sich in den verglasten Außenfassaden der Wolkenkratzer, die der Stadt den Kosenamen »Little Manhattan« eingebracht haben.

Ich liebe diesen Ausblick und genieße ihn ganz bewusst. Nach der Hochzeit wollen wir der Großstadt den Rücken kehren, was ich nicht bedauere. Dennoch habe ich hier eine schöne Zeit verbracht.

Gleich nach unserer Rückkehr aus den Flitterwochen, werden wir in unser Haus im Taunus ziehen. Der Kaufvertrag ist unterschrieben. Der Pachtvertag für die kleine Modeboutique in Bad Homburg, die ich eröffnen will, ist ebenfalls unter Dach und Fach. Die Kaution hat Jan hinterlegt.

Spontan beschließe ich, das schöne Wetter zu nutzen und einen Spaziergang in die Fußgängerzone zu machen. Ich will in Sarahs Brautmodenparadies nachfragen, ob die Schneiderin schon mit den Änderungen an meinem Kleid begonnen hat. Jan und ich werden zwar nur standesamtlich und in trauter Zweisamkeit heiraten, weil er zu seiner Familie so gut wie keinen Kontakt mehr hat, aber auf ein Hochzeitskleid will ich dann doch nicht verzichten. Schließlich habe ich fest vor, nur einmal zu heiraten, da finde ich ein wenig Romantik durchaus angebracht.

Beschwingt schnippe ich meine Jeansjacke von der Garderobe und schlüpfe hinein. Ich schnappe mir meine Handtasche und ziehe die Wohnungstür hinter mir zu. Leise summend hüpfe ich die Stufen aus der vierten Etage ins Erdgeschoss hinunter.

Keine Stunde später bewundere ich mich in meinem Traum von einem Hochzeitskleid vor dem Spiegel im Salon des Brautmodengeschäfts.

Das trägerlose Oberteil bringt mein gebräuntes Dekolleté perfekt zur Geltung. Der glänzende Seidentaft umschmeichelt meinen Oberkörper wie eine zweite Haut und fällt unterhalb der Taille weit ausgestellt zu Boden. Die vereinzelt angebrachten Spitzen-Applikationen nehmen dem sehr schlichten Kleid die Strenge. Jan werden die Augen übergehen, wenn er mich so sieht, da bin ich mir sicher.

Ganz kurz beschleicht mich der Anflug eines schlechten Gewissens, weil ich den wichtigsten Tag in meinem Leben ohne meine Familie zu verbringen gedenke. Jan hat auf einer raschen Trauungszeremonie bestanden, weil er sich nur drei Tage für die Hochzeit frei nehmen kann. Anschließend wird er sein Projekt in den Vereinigten Arabischen Emiraten zum Abschluss bringen, und ich soll ihn begleiten.

Ich fiebere diesen Flitterwochen erwartungsvoll entgegen, die mir wie ein Traum aus Tausend und einer Nacht vor Augen stehen. Meine Familie werden wir später mit der erfreulichen Neuigkeit überraschen, wenn wir uns organisiert haben und genügend Zeit erübrigen können, um die Reise in den Osten anzutreten.

»Und? Was sagst du?«, werde ich von Sarah, die hinter mir steht, aus meinen Überlegungen gerissen.

Sarah ist Mitte dreißig. Das rote Etuikleid betont ihre weiblichen Rundungen. Die dunklen Haare trägt sie zu einem strengen Knoten im Nacken geschlungen. Dass sie mich persönlich bedient, schmeichelt mir.

Ich lasse die Finger über das seidige Material gleiten und bin hin und weg. »Es ist genauso geworden, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich hätte nicht gedacht, dass es schon fertig ist«, hauche ich hingerissen. »Danke!«

»Es ist mir eine Ehre!« Sarah verbeugt sich galant und schmunzelt. »Aber du würdest auch in einem Kartoffelsack noch super aussehen.«

»So gefalle ich mir entschieden besser!«, lache ich unbeschwert, ehe ich ernst werde und Sarah flehend anschaue. »Ich war nie hier, vergiss das nicht! Dieser Hochzeitstermin ist absolut geheim. Ich habe keine Lust auf irgendwelche Fotografen, die Jagd auf mich machen.«

Sarah schüttelt den Kopf und hebt drei Finger ihrer rechten Hand in die Höhe. »Von mir erfährt niemand etwas«, verspricht sie hoch und heilig.

»Super! Kann ich das Kleid gleich mitnehmen?«

»Natürlich!«, versichert Sarah bester Laune. »Ich lasse es einpacken, sobald ich dich aus den Stoffmassen befreit habe.«

Nachdem sie mir den Reißverschluss geöffnet hat und ich aus dem Kleid gestiegen bin, schwebe ich wie auf Wolken in die Umkleidekabine zurück und ziehe mich an. Als ich in den Spiegel blicke, bin von meinem Spiegelbild beinahe ein wenig ergriffen. Meine Augen strahlen, und ich wirke wie befreit. Die alten Erinnerungen sind verblasst. Ich bin nicht mehr die naive Achtzehnjährige, die vor neun Jahren aus dem Kaff an der Ostsee davongelaufen ist, weil sie einem Mann blind vertraut hat. Ich bin eine erwachsene Frau und lasse genau hier und jetzt die Vergangenheit hinter mir.

Und werde glücklich!, stelle ich befriedigt fest.

Ich schiebe den Vorhang beiseite, ziehe die Jeansjacke über und trete zurück in den Laden.

An der Kasse registriere ich mit Befremden die mattgraue Tüte, die auf dem Tresen liegt, und sehe Sarah fragend an.

»Ich entlasse dich durch den Hinterausgang«, klärt sie mich auf. »Der Teufel will es, und jemand hat dich hier hereinspazieren sehen. Mit dieser unauffälligen Tüte kommt der gewiefteste Paparazzo nicht auf die Idee, dass du bei mir ein Hochzeitskleid erstanden haben könntest.«

»Du scheinst Erfahrung mit bekannten Gesichtern zu haben«, sage ich anerkennend und reiche Sarah meine Kreditkarte, die sie dankend annimmt und in den Kartenleser schiebt, bevor sie die Karte zurückzieht, um sie ein zweites Mal in das Lesegerät einzuführen.

»Seltsam!«, meint Sarah nach dem dritten Versuch. »Mit der Karte stimmt etwas nicht. Hier blinkt immer auf, sie wäre nicht gedeckt.« Peinlich berührt, tritt sie von einem Fuß auf den anderen.

»Das kann nicht sein!«, widerspreche ich vehement. »Gib mir eine Viertelstunde! Meine Bankfiliale ist gleich um die Ecke. Ich kläre das eben und komme anschließend zurück.«

Ich reiche Sarah die Tüte, die ich längst an mich gerafft habe, und strecke die Hand nach meiner Kreditkarte aus.

»Es tut mir leid!«, entschuldigt Sarah sich.

Ich verdrehe die Augen. »Dir muss doch nichts leidtun. Du kannst ja nichts dafür, wenn die Karte streikt. Trotzdem stehe ich vor einem Rätsel. Bis heute hat sie immer einwandfrei funktioniert.«

»Dann bis gleich! Den Hinterausgang zeige ich dir später«, scherzt Sarah augenzwinkernd.

Verschnupft bahne ich mir einen Weg durch die überfüllte Fußgängerzone. Es wurmt mich maßlos, dass die Karte ausgerechnet heute ihren Geist aufgeben hat, weil es meiner Vorfreude einen herben Dämpfer versetzt. Nicht, dass es am Ende ein schlechtes Omen ist …

Ich verbiete mir jegliche Gedanken an solchen Hokuspokus und laufe weiter.

Der Himmel hat sich in der Zwischenzeit zugezogen, und die sich zusammenschiebenden Wolkenberge lassen nur noch vereinzelte Sonnenstrahlen hindurchfallen.

Das schmuddelige Aprilwetter, das auch den Mai noch fest im Griff hält, geht mir auf die Nerven. Ich werde mich beeilen müssen, um trockenen Fußes nach Hause zu kommen.

In meiner Bankfiliale werde ich direkt in das Büro des Filialleiters gebeten.

Herr Dürenbach mag Anfang vierzig sein und ist stets zuvorkommend und höflich. Seine Stirn wirkt unnatürlich hoch, weil sein Haaransatz sich bereits lichtet, was sein Gesicht schmal und krank wirken lassen würde, wäre er nicht immer sonnenbankgebräunt.

»Nehmen Sie Platz, Frau Hansen!«, fordert er mich freundlich auf, und ich setze mich.

Herr Dürenbach hört sich meine Beschwerde an und nimmt die Karte an sich, um sie zu überprüfen.

»Mit der Karte scheint alles in Ordnung zu sein«, merkt er nach einer Weile an und tippt konzentriert auf seiner Tastatur herum.

Ich schlage die Beine übereinander und wippe ungeduldig mit dem Fuß. Wenn mit der Karte alles in Ordnung ist, gehe ich gleich zu Sarah zurück und setze meinen Tag wie geplant fort. Das ist ganz in meinem Sinne.

Das pfeifende Geräusch, das Herr Dürenbach von sich gibt, schreckt mich aus meinen Planungen auf.

»Stimmt etwas nicht?«, frage ich angesäuert und mein Kiefer verspannt sich, weil ich die Zähne aufeinander beiße.

Herr Dürenbach seufzt und hebt irritiert eine Braue in die Stirn. Er dreht den Bildschirm in meine Richtung, um mich an seinen Ausführungen teilhaben zu lassen.

»In den letzten Wochen sind ständig größere Beträge von Ihrem Konto aus angewiesen worden. Da ich weiß, wie gewissenhaft Sie mit Ihrem Geld umgehen, erstaunt mich das ein wenig. Die letzte größere Summe in Höhe von 45 000 Euro ist gestern verbucht worden. Heute befindet sich Ihr Kontostand mit 543 Euro und 87 Cent im Minus. Die Kreditkarte hat schlichtweg keine Deckung mehr.«

Ich spüre, wie mir alle Farbe aus dem Gesicht weicht und jegliche Blutzufuhr zu meinem Gehirn ins Stocken gerät. Das kann nicht sein! Weder habe ich meine Kreditkarte aus der Hand gegeben noch kennt jemand meine Onlinezugangsdaten. – Und auf dem Konto muss richtig Geld gewesen sein, weil in den letzten Monaten meine Anlageverträge ausgelaufen und auf dem Girokonto eingegangen sind. Zusammen mit der nicht unbeträchtlichen Summe, die ich für den Hauskauf bereitgestellt habe, weil Jan an sein Geld in den Emiraten derzeit nicht herankommt, wäre demnach mein gesamtes Vermögen verschwunden?

Ich schiebe alle panikartigen Befürchtungen beiseite, die mir schon bei der Vorstellung, am Ende pleite zu sein, durch den Kopf schießen. Es muss sich um einen Irrtum handeln. Wie Herr Dürenbach gerade erwähnt hat, gehe ich sehr sorgfältig mit meinem Geld um.

»Ich habe außer zweihundert Euro am Monatsanfang so gut wie nichts abgehoben!«, versuche ich, die Situation zu entschärfen und schaffe es sogar, ein Lächeln auf mein vor Schreck erstarrtes Gesicht zu zaubern. Doch der Filialleiter hackt weiter auf seiner Tastatur herum und erweckt den Anschein, meine Anwesenheit vergessen zu haben.

So langsam wird mir mulmig zumute. »Was heißt das jetzt?«, frage ich Herrn Dürenbach und lache gekünstelt. »Bin ich arm wie eine Kirchenmaus?«

An meinem Filialleiter geht die hoffnungsvolle Ironie, die in meiner Stimme mitschwingt, definitiv vorbei. Düster nickend, klickt er sich weiter durch die Dateien, während ich ihn mit klopfendem Herzen betrachte.

Nach einer Zeitspanne, die mir wie eine Ewigkeit vorkommt, runzelt er die Stirn. »Es ist mir unangenehm, Sie darauf anzusprechen, Frau Hansen.« Die Finger des Filialleiters fliegen weiter über die Tasten. »Sie haben vor einiger Zeit einem gewissen Herrn de Vries eine Vollmacht über Ihr Konto erteilt. Noch am gleichen Tag ist die erste größere Summe überwiesen worden.«

Mir stockt der Atem. »Wo denken Sie hin!«, schnaube ich entrüstet. »Jan de Vries und ich sind so gut wie verheiratet!«

Herr Dürenbach mustert mich unangenehm berührt. »Es ist egal, ob Sie verheiratet sind oder nicht, Frau Hansen«, teilt er mir mit einer Entschiedenheit mit, die mir bitter aufstößt. »Das Geld ist weg, so oder so! Alle Beträge sind auf die Cayman Islands transferiert worden. Ob sie dort geblieben sind oder sich ihre Spur von dort aus im Nirgendwo verliert, weiß ich derzeit nicht zu sagen, werde es jedoch prüfen lassen. Also … Ich will mich keinesfalls in Ihre Angelegenheiten einmischen …, aber wie lange kennen Sie diesen Herrn de Fries schon?«

Mir gefriert das Blut in den Adern.

Welche infame Unterstellung gibt dieser Bankmensch hier von sich?

Vollkommen außer mir, schieße ich in die Höhe und schlage mit der flachen Hand auf die Tischplatte. »So etwas muss ich ihr von Ihnen nicht sagen lassen, Herr Dürenbach!«, rufe ich und erschrecke über den schrillen Klang meiner eigenen Stimme. »Ich gehe jetzt nach Hause und kläre diese leidige Angelegenheit. In der Zwischenzeit können Sie sich etwas einfallen lassen und mein Geld zurückholen! Jan de Vries hat mit dieser Angelegenheit ganz sicher nichts zu tun.«

»Wenn Sie das sagen …«, antwortet Herr Dürenbach unbeeindruckt und erhebt sich ebenfalls.

Aufgebracht wie ich bin, registriere ich sein Aufstehen nur noch aus dem Blickwinkel, weil ich schon auf und davon bin.

Der Mann weiß offensichtlich nicht, was er sagt!

***

Pleite!

Ich soll total abgebrannt sein?

Wie in Trance, stolpere ich durch die Straßen, ohne die Menschen richtig wahrzunehmen, die mich umgeben. Instinktiv weiche ich ihnen aus, bin aber sonst gänzlich mit mir beschäftigt.

Dieser Bankmensch muss den Verstand verloren haben! Ich kann über den grotesken Verdacht, den Herr Dürenbach in Bezug auf Jan ausgesprochen hat, nur den Kopf schütteln.

Dennoch hüstelt da ein leiser Zweifel in mir, weil ich Jan seit Tagen auf seinem Handy zu erreichen versuche, allerdings immer nur die Bandansage zu hören bekomme, die mir mitteilt, der gewünschte Gesprächsteilnehmer sei derzeit nicht erreichbar.

Traue ich dem Mann, den ich immerhin zu ehelichen gedenke, ein derart kriminelles Potenzial zu?

Natürlich traue ich ihm das nicht zu!, versichere ich mir und nehme meine Umgebung endlich wahr.

Die Außentische der Cafés und Restaurants leeren sich, weil aus der Ferne Donnergrollen zu vernehmen ist. Der Himmel hat sich weiter zugezogen, als wolle er die düstere Stimmung, in der ich mich befinde, unterstreichen.

Kurz erwäge ich, bei Nora vorbeizugehen, deren Wohnung auf dem Weg liegt, dann fällt mir ein, dass sie noch nicht aus den Staaten zurück ist. Sie arbeitet als Flugbegleiterin für eine deutsche Fluggesellschaft und wird erst in zwei Tagen zurück sein.

Somit entfällt die Möglichkeit, ihr diese zum Himmel schreiende Geschichte zu erzählen und mir eine zweite Meinung einzuholen.

In einem Gefühlszustand leichter Panik und von meinen inneren Dämonen getrieben, stürme ich voran. Bloß nicht nachdenken!, ermahne ich mich mit zugezogener Kehle und weigere mich nach wie vor, auch nur in Betracht zu ziehen, dass an dieser unmöglichen Anschuldigung etwas dran sein könnte. Alles wird sich aufklären! Es MUSS sich um einen Irrtum handeln!

In der nächsten Querstraße krame ich meine Schlüssel aus der Tasche.

Jan ist über jeden Zweifel erhaben!

Fast schäme ich mich, diese Möglichkeit überhaupt in Betracht gezogen zu haben. Sicher bin ich einem Trickbetrüger zum Opfer gefallen oder der Bank ist ein Fehler unterlaufen. So einfach ist das.

Ich schließe die schwere Holztür auf, die nach dem Eintreten hinter mir ins Schloss fällt. Die gewohnte Stille, die im Treppenhaus des gediegenen Altbaus herrscht, wirkt sich beruhigend auf meine angespannten Nerven aus. Trotzdem kommen mir die unzähligen Stufen, die ich sonst mit Leichtigkeit überwinde, heute endlos und beschwerlich vor.

Im vierten Stock angekommen, hämmert mein Herz in meiner Brust, und ich keuche, als wäre ich einen Marathon gelaufen. Mit bebenden Fingern schiebe ich den Schlüssel ins Schloss und öffne die Wohnungstür.

Der langgezogene Flur wird von einem grell aufleuchtenden Blitz erhellt, der durch die Glasfront schimmert. Ihm folgt ein krachender Donnerschlag, unter dem das Dach erzittert.

Ich schließe die Tür, dann setzt der Regen auch schon prasselnd ein. Wenigstens bin ich im Trockenen nach Hause gekommen.

Erschöpft lasse ich mich gegen das Türblatt fallen und schließe die Augen. Ist es nur wenige Stunden her, seit ich hier glücklich und vor Zuversicht strahlend, vor dem Spiegel gestanden habe?

Ich schlage die Hände vors Gesicht, um der Panik Herr zu werden, die in mir aufsteigt. Dass sich mein gesamtes Vermögen, für das ich jahrelang geackert habe, in Luft aufgelöst haben soll, will mir nicht in den Kopf. Solche Szenen entspringen der Feder eines durchgeknallten Drehbuchautors. Im richtigen Leben passiert so etwas nicht!

Zumindest nicht in meinem.

Tief ausatmend, lasse ich die Hände sinken und versuche blinzelnd, einen klaren Kopf zu bekommen, als mein Blick auf einen schwarzen Hartschalenkoffer fällt, der unter der Flurgarderobe auf dem Boden steht.

Ich reiße die Augen auf. Natürlich kann ich Jan nicht erreichen, wenn er im Flugzeug sitzt, um zu mir zurückzukommen!

Ein Gefühl unendlicher Erleichterung durchströmt mich, und meine angespannten Schultern sacken herunter. Jan ist früher als erwartet zurückgekehrt? Was für ein Segen! Jetzt wird alles gut.

Die Tränen schießen mir in die Augen, und ich wanke auf die Wohnzimmertür zu. Der leise Zweifel, der sich fies und gemein bei mir eingeschlichen hat, ist wie weggeblasen. Diese ganze abstruse Geschichte, die sich Herr Dürenbach da aus den Fingern gesogen hat, ist an den Haaren herbeigezogen. Das war ja von Anfang an klar!

Im Türrahmen bleibe ich wie angewurzelt stehen.

Offensichtlich läuft der Albtraum, der mich seit dem Betreten der Bank in seinen Klauen hält, ohne mein Zutun weiter. Jedenfalls entdecke ich am Schreibtisch einen mir vollkommen fremden Mann, der sich konzentriert durch die Papiere in den aufgezogenen Schubladen wühlt. Mir hält er den Rücken zugekehrt. Sein muskulöser Körperbau spricht für einen Sportler, wohingegen die verfilzte Mähne, die seinen Kopf in langgewachsenen Strähnen umgibt, eher auf einen Penner schließen lässt.

Überrumpelt, höre ich mich »Jan?« rufen, obwohl ich nur zu genau weiß, dass mir meine Wahrnehmung keinen Streich gespielt hat.

Von meiner Stimme aufgeschreckt, fährt der Fremde vom Stuhl hoch und dreht sich zu mir herum.

Entgeistert starre ich in ein hart wirkendes Gesicht. Geschwungene, leicht nach oben gezogene Augenbrauen wölben sich über dunklen Augen, die mich argwöhnisch ansehen. Der Kerl wirkt wie ein Raubtier, das gleich zum Sprung ansetzt.

»Was zum Teufel suchen Sie in meiner Wohnung?«, knurrt er bedrohlich, und ich befürchte, mich verhört zu haben.

Ein Verrückter!

Der Mann muss verrückt sein, wenn er in fremde Wohnungen einbricht und zu diesem Zweck einen Koffer mitbringt …

Von seiner unverschämten Frage aus der Fassung gebracht, ziehe ich in Erwägung, das Weite zu suchen, bin aber nicht in der Lage, mich auch nur zu rühren. Der Schreck ist mir in alle Glieder gefahren.

Verstohlen schiele ich zu dem abgewetzten Ledersofa hinüber, auf dem ich so gerne liege und lese. Die Regalfront dahinter ist bis zur Zimmerdecke mit Büchern angefüllt. Auf dem Beistelltisch vor dem Sofa liegt der Roman meines Lieblingsautors, den ich gestern Abend noch zu Ende gelesen habe.

Ohne zu begreifen, woher ich die Kraft nehme, richte ich mich zu meiner vollen Größe auf, ehe ich all meinen Mut zusammennehme. »Das hier ist nicht Ihre Wohnung, und das wissen Sie ganz genau!«, schleudere ich dem Typ entgegen.

»Ach? Und wem gehört diese Wohnung dann?«

Die Stimme des Pennerverschnitts, der mir gegenübersteht, trieft vor Hohn. Seine Lippen kann ich durch den zerzausten Vollbart, der unterhalb der markanten Wangenknochen endet, kaum ausmachen.

»Wenn ich an Sie untervermietet hätte, könnte ich mich daran sicherlich erinnern!«, bemerkt er frostig und lässt seinen Blick taxierend über meinen Körper schweifen.

Mir steigt die Röte ins Gesicht, gleichzeitig spüre ich eine grollende Wut in mir brodeln. So langsam wird es mir zu bunt. Wie kommt dieser dahergelaufene Schnösel nach diesem verkorksten Tag dazu, so mit mir zu reden und mich zu begutachten, als wäre ich eine faule Ware, die man ihm anzudrehen versucht? Ich habe die Nase gestrichen voll davon, von einer Katastrophe in die nächste zu schliddern!

Angriffslustig schiebe ich das Kinn vor und lege den Kopf in den Nacken. Sicherheitshalber trete ich einen Schritt zur Seite, um mich notfalls am Bücherschrank abstützen zu können, weil meine Knie zittern wie Espenlaub.

»Was halten Sie davon, wenn wir einfach das Telefon benutzen und die Polizei verständigen?«, frage ich provozierend und zwinge ein selbstsicheres Lächeln auf meine Lippen, von dem ich hoffe, dass es seine Wirkung nicht verfehlt. »Damit wären die Eigentumsverhältnisse in diesem Haus ja ganz schnell geklärt, glauben Sie nicht!«

Mit zwei bedrohlichen Schritten kommt der Typ näher, und ich halte die Luft an. Rein körperlich betrachtet, habe ich gegen diesen Haudegen nicht die geringste Chance, so viel ist mir klar. Mein Hals zieht sich zusammen, und zu meinem Bestürzen stelle ich fest, dass meine Unterlippe bebt.

»Sie glauben tatsächlich, was Sie da von sich geben, oder?«, staunt der Mann kopfschüttelnd und lächelt mitleidig auf mich herab, als hielte er mich für die Verrückte in diesem ganzen Durcheinander, während er sich nachdenklich mit den für einen Penner untypisch gepflegten Fingern durch den vollen Bart streicht. »Was zur Hölle tun Sie hier?«

Der Typ hat echt einen an der Klatsche!

»Ich wohne hier!«, schnaube ich ungeduldig und wundere mich über die Dreistigkeit der Einbrecher heutzutage.

»Das tun Sie nicht!«, widerspricht der Fremde mir mit der Inbrunst der Überzeugung und wendet sich wie selbstverständlich der Biedermeierglasvitrine zu, die sich neben dem Bücherschrank vor der Wand befindet.

Mit einer Selbstverständlichkeit, die schon an Unverschämtheit grenzt, holt er zwei Whiskey-Gläser und eine Flasche Single Malt daraus hervor.

»Setzen Sie sich!«, fordert er mich brüsk auf und seufzt. Dabei sieht er mich an wie eine trotzige Göre. »Erklären Sie mir einfach, wieso Sie einen Schlüssel zu meiner Wohnung haben und obendrein davon überzeugt sind, hier zu wohnen.«

In der festen Annahme, ich sei im falschen Film gelandet, wanke ich auf wackeligen Beinen in Richtung Sofa, den Typ nicht aus den Augen lassend.

Tatsächlich bewegt sich dieser Mann mit einer Sicherheit in diesen vier Wänden, die seine Aussage, er würde hier wohnen, beinahe glaubhaft erscheinen lässt. Als wäre er der Herr im Haus, setzt er sich in den Sessel am Kopfende des Wohnzimmertischs und schenkt die Gläser ein. Dabei fällt sein Blick auf meinen neusten Roman von Steinfeld, der mit der Titelseite nach oben auf der Tischplatte liegt.

»Sie lesen Ron Steinfeld?«, fragt er überrascht, als wäre es das Normalste auf der Welt, in dieser Situation Konversation über Bücher zu betreiben, und schiebt ein halb gefülltes Glas zu mir herüber.

»Ich schätze ihn sehr!«, lasse ich mich auf sein Gefasel ein, schließlich sagen sie im Fernsehen immer, dass man mit Durchgeknallten reden soll. »Wir haben alle seine Bücher im Regal stehen.« Ich deute mit der Hand, in der ich mein Glas halte, auf das Bücherregal hinter dem Sofa.

Der Mann prostet mir zu. »Ist das so!«, spottet er und verzieht anmaßend die Mundwinkel. »Dann lassen Sie uns auf Ihren guten Geschmack anstoßen!«

Mit einer ungelenken Handbewegung hebe ich mein Glas an und trinke einen Schluck der bernsteinfarbenen Flüssigkeit, die mir beißend durch die Kehle rinnt. Augenblicklich entspanne ich mich, spüre aber, wie mir die Tränen in die Augen schießen.

»Was wollen Sie von mir?«, frage ich flehend und stelle das Glas klirrend auf den Tisch. »Wollen Sie Geld?« Resigniert lasse ich die Schultern sinken. »Da muss ich Sie leider enttäuschen! Ich habe soeben erfahren, dass ich völlig pleite bin«, plappere ich los, weil mir die Angst in den Knochen steckt. »Sie können sich gerne im Schlafzimmer an meinem Schrank bedienen«, fahre ich fort, um den Durchgeknallten ein wenig länger in Schach zu halten. »Die Hermès Handtaschen können Sie sicher zu Geld machen, genau wie die Markenkleider und die dazu passenden High Heels. Es sind alles Originale!«

Endlich besinne ich mich.

Der Penner, der Modemagazine studiert und die entsprechenden Designer kennt, muss wahrscheinlich erst noch geboren werden …

Scheinbar um Geduld bemüht, streicht sich der Mann mit den Fingern durch den zotteligen Bart, wobei seine Augen gefährlich aufblitzen.

»Das einzige, was ich von Ihnen will, ist, dass Sie hier verschwinden!«, teilt er mir mit aller Deutlichkeit mit, und ich rutsche ein wenig tiefer in die Polster. »Allerdings erst, wenn Sie mir erklärt haben, wie Sie an die Schlüssel zu meinem Haus und zu meiner Wohnung gekommen sind.« Die Augenbrauen abwartend in die Höhe gezogen, starrt er mich durchdringend an. »Können Sie sich ausweisen? Ich weiß im Allgemeinen gern, mit wem ich es zu tun habe!«

Das ist ja wohl der Gipfel der Unverschämtheit!

Auf die Idee, irgendwo einzubrechen und die Besitzverhältnisse umzudrehen, muss man ja auch erst mal kommen!

Meine Tränen versiegen so plötzlich, wie sie aufgestiegen sind.

Ich richte mich auf und funkele den Penner an. »Ich bin Charlotte Hansen«, und jetzt ist es an mir, die Lippen spöttisch zu verziehen. »Man kennt mich auch unter dem Namen ‚Carla Johansen‘, wenn Ihnen das etwas sagen sollte. Ich bin die Verlobte von Jan de Vries, mit dem ich seit fast einem Jahr hier wohne. Als ich Ihren Koffer im Flur stehen sah, dachte ich eigentlich, Jan wäre zurückgekommen. Leider traf ich Sie hier an, was ich langsam nicht mehr komisch finde. Im Übrigen haben Sie sich auch nicht vorgestellt!«

Unbeteiligt zuckt der Typ mit den Achseln. »Es gibt auch keinen Anlass dafür, wenn eine mir wildfremde Frau in meine Wohnung stürzt. Aber gut … um des lieben Friedens willen: Ich heiße Ben Wolter, und das ist meine Wohnung. Dieses Haus habe ich vor zehn Jahren gekauft. Es ist rechtmäßig in meinen Besitz übergangen, und das ist nachweisbar«, erklärt er mir, als rede er mit einem begriffsstutzigen Kind.

»Und wieso habe ich Sie dann noch nie hier gesehen?«, frage ich spitz und freue mich, ihm in die Parade gefahren zu sein.

»Weil ich für ein Jahr auf Reisen war, vielleicht?«, kontert der Mann, der sich Ben Wolter nennt, schlagfertig und kneift die Augenlider zusammen, als wäre ihm gerade eine Idee gekommen. »Wie sagten Sie, heißt Ihr Verlobter?«

»Jan de Vries!«, antworte ich beherzt. »Und der Besagte hat diese Wohnung gemietet! Auch das ist nachweisbar.«

Ben Wolter nickt, schürzt die Lippen und trinkt seinen Whiskey aus, ehe er sich erhebt.

»Kommen Sie mit!«, fordert er mich brüsk auf und stöhnt entnervt, als er meinen eingeschüchterten Blick registriert.

»Himmel noch mal! Wenn ich Ihnen etwas antun wollte, lägen Sie längst mausetot in einem Teppich eingewickelt hinter dem Sofa«, blafft er. »Ich möchte ihnen etwas zeigen, das unter Umständen Klarheit in diese verfahrene Situation bringt. Das ist alles.«

Wie ungemein beruhigend!

»Wo genau wollen Sie mit mir hin?«, hake ich misstrauisch nach.

»An einen Ort, an dem Sie sofort um Hilfe schreien können, sollte ich Ihnen zu nahe treten, was ganz sicher nicht passieren wird!«, schnaubt der Penner ungehalten. »Folgen Sie mir auf den Hinterhof!«

Das klingt verlockend, überdenke ich meine Lage, weil sich mir spätestens, wenn wir das Erdgeschoss erreicht hätten, eine Gelegenheit bieten würde, die Flucht zu ergreifen. Im Viertel ist um diese Zeit jede Menge los. Die Kneipen und Restaurants an der Hauptstraße sind gegen Abend gut besucht, sodass ich ihm nicht mehr alleine ausgeliefert bin.

Schon zuversichtlicher, erhebe ich mich und umklammere den Riemen meiner Handtasche, die noch immer an meinem Arm hängt. Ich spüle die aufsteigende Panik mit dem letzten Schluck aus meinem Glas herunter und folge dem Durchgeknallten in den Hausflur.

»Unfassbar! Sogar die Namensschilder sind ausgetauscht!«, flucht der Penner, als er das Schild neben der Tür entdeckt und poltert vor mir die Stufen hinab.

Wenn der nicht wahnsinnig ist, weiß ich es auch nicht!, denke ich und folge dem Hünen mit einigem Abstand.

Ich werde warten, bis er sich im Erdgeschoss der Tür zum hinteren Ausgang zugewandt hat und durch die Haustür flitzen. Die Polizei wird schon wissen, was sie mit diesem Verrückten zu tun hat.

Zu meinem Leidwesen lauert besagter Verrückter am Fuß der Treppe.

Mit festem Griff umfasst er meinen Ellbogen, und meine Haut beginnt unter der Berührung seiner Finger zu brennen, die kraftvoll zupacken. Ben Wolter, oder wer auch immer der Kerl sein mag, lässt jedenfalls keine Gelegenheit aus, um mir seine körperliche Überlegenheit deutlich vor Augen zu führen.

Ohne meinen Arm loszulassen, schiebt er mich auf die Hintertür zu, wo er mit der Hand einen Schlüsselbund aus der Seitentasche seiner Jeans zieht. Die Schlüssel gleiten durch die Finger seiner freien Hand, bis er den richtigen gefunden hat. Die Tür springt auf, und wir treten über zwei Stufen hinaus auf den Hinterhof.

Auf den ausgetretenen Bodenplatten glitzern kleine Pfützen, in denen sich das Licht des Bewegungsmelders spiegelt, der bei unserem Erscheinen angesprungen ist. Nur noch vereinzelte Regentropfen fallen herab, das Gewitter ist weitergezogen.

Die Gärten und Hinterhöfe, die sich im hinteren Bereich der stolzen Altbaufronten erstrecken, kenne ich nur vom Blick aus dem Fenster. Hier unten war ich noch nie. Was sicher keinen Verlust bedeutet, so vernachlässigt wie hier alles wirkt. Die Büsche in den ausladenden Tontöpfen, die ursprünglich dazu angedacht sein mochten, das triste Ambiente zu erhellen, bestehen nur mehr aus vertrockneten Astskeletten, die in harter, ausgedörrter Erde stecken, die selbst der starke Regen nicht hat aufweichen können.

»Hier hat sich ja jemand rührend gekümmert!«, schäumt Ben und begutachtet das kniehohe Unkraut, das zwischen den Bodenplatten wuchert, während er mich im Weitergehen auf ein kleines Haus am Ende des Hofs zu zerrt, von dessen Haustür die graue Farbe bereits abblättert. Er bleibt so ruckartig stehen, dass ich fast stolpere, und weist mit kaltem Gesichtsausdruck auf das Namensschild, das neben der Tür an der Wand prangt.

»Da! Lesen Sie, was da steht!«, fordert er grob. »So naiv können selbst Sie nicht sein.«

Ahnungslos starre ich auf die Aufschrift, und meine Hand fährt wie von selbst an meine linke Schläfe, hinter der sich ein pochender Schmerz bemerkbar macht.

Der bohrende Zweifel, der seit dem Bankbesuch an mir nagt, wird zur schrecklichen Gewissheit. Mir wird schwindelig, und ich befürchte, mich übergeben zu müssen. Jan de Vries, steht auf dem Schild zu lesen. Hausmeister.

Ich will meinen Blick von diesen Buchstaben loseisen, die mein Leben auf den Kopf stellen, schaffe es jedoch nicht. Stattdessen starre ich wie gebannt darauf, und die Vorstellung, dass Jan mich dermaßen belogen und betrogen haben soll, gräbt sich wie die Klinge eines Messers in mein Herz.

Vereinzelte Situationen, in denen ich mit einem flauen Gefühl im Magen die eine oder andere seiner Behauptungen angezweifelt habe, mich aber nie getraut habe, genauer nachzufragen oder am Ende gar »Nein!« zu sagen, hallen wie ein dröhnendes Echo durch den Hinterhof.

Ich sehe Jan vor mir, der mir die Kontovollmacht schmackhaft macht, und mein Magen droht, zu rebellieren. Oh, wie plausibel hat der Mann mir vorgegaukelt, gerade nicht an sein eigenes Geld heranzukommen! Und ich habe ihm Zugang zu meinem Vermögen verschafft!

Die Erkenntnis, dass Jan am Ende wirklich als Hausmeister in diesem Haus beschäftigt gewesen sein könnte, trifft mich mit voller Wucht. Immerhin erklärt das auch, wie er an Bens Wohnungsschlüssel herangekommen ist …

Mir wird schlecht.

Nichts ist mir geblieben. Der geschützte Hinterhof ist noch die luxuriöseste Übernachtungsmöglichkeit, die sich mir heute Nacht bieten wird.

Ich bemerke nur noch, wie meine Beine unter mir nachgeben und ich zusammenklappe. Nicht gerade unwillig, ergebe ich mich der wohltuenden Schwärze, die sich meiner bemächtigt.

2. Kapitel

Das hat ja gerade noch gefehlt!

Genervt sieht Ben auf die vor ihm liegende Gestalt hinab. Die Züge der jungen Frau wirken auch in ihrer Ohnmacht noch fassungslos. Ihre Wangen schimmern im Licht des schwindenden Tages so blass, dass er überlegt, den Notarzt zu rufen.

Widerstrebend geht er auf die Knie und sucht den Puls an ihrem Hals, der schwach, aber regelmäßig schlägt.

Musternd streift Bens Blick über ihr Gesicht.

Die geschlossenen Wimpern werfen lange Schatten auf ihre bleichen Wangen. Ihre Nase ist gerade. Nicht zu groß und nicht zu klein. Die vollen Lippen, deren Beben ihm nicht entgangen ist, als sie ihn vorhin so angsterfüllt angesehen hat, wirken farblos und blutleer über dem energischen Kinn, das sie so kämpferisch zu recken versteht, wenn sie sich unverstanden oder angegriffen fühlt.

Nein, sie ist keine auffallende Schönheit. Dennoch hat sie etwas an sich, das Ben reizt und gleichermaßen abstößt. Möglicherweise ist es diese vornehme Noblesse, die sie wie ein Schutzschild vor sich herträgt, die ihm unangenehm aufstößt. Dass ausgerechnet diese Frau auf seinen Hausmeister hereingefallen sein soll, erstaunt ihn maßlos.

Was mache ich jetzt mit ihr?, fragt Ben sich und fährt sich mit den Fingern durch die zu lang gewordene Mähne. In den vergangenen Monaten war er so in seine Arbeit vertieft, dass er nicht daran gedacht hat, zum Frisör zu gehen. Einerseits legt er keinen Wert darauf, eine wildfremde Person in seiner Wohnung zu dulden, andererseits kann er sie schlecht hier liegenlassen. Also nimmt er sie auf die Arme und trägt sie ins Haus.

Für eine Frau, die ihm fast auf Augenhöhe begegnet, ist sie leicht wie eine Feder. Sie seufzt leise, und ihre Augenlieder flattern unruhig. Ben schaut in verwirrt wirkende blaue Augen, die ihn ansehen, als würden sie ihn nicht erkennen.

»Ich bin so müde!«, seufzt die junge Frau in seinen Armen und schmiegt vertrauensvoll den Kopf an seine Brust.

Hin- und hergerissen, zwischen dem Bedürfnis, sie schnellstmöglich loszuwerden, und einem Gefühl, das er als Mitleid deutet, bringt er sie durch das Treppenhaus in die Wohnung hinauf.

Ihre Jeansjacke hat sie garantiert nicht von der Stange gekauft, und die neckische Handtasche stammt zweifellos von Hermès, wie Ben an der Aufschrift unschwer erkennt. Ein schwacher Duft nach Sommerwind und wilden Kräutern, der zu ihrem gestylten Outfit so gar nicht passt, kriecht ihm in die Nase, und ein schiefes Lächeln stiehlt sich auf seine Lippen. Ihren manikürten Nägeln nach zu urteilen, hat sie sich die Finger noch nie schmutzig machen müssen. Wenn eine Frau mit diesen Ansprüchen – auch das T-Shirt aus feinster Seide weist deutlich darauf hin, dass sie nur vom Feinsten kauft – vor dem Nichts steht, soll man wohl panisch werden und in Ohnmacht fallen dürfen, überlegt er und schämt sich seiner Häme nicht.

Wie sein Hausmeister diese Luxuspuppe wohl finanziert hat? Von dem Geld, das er bei ihm verdient hat, ohne etwas dafür zu tun, ganz sicher nicht!

In der Wohnung steuert Ben auf sein Schlafzimmer zu. Das Bett würde er später frisch beziehen, wenn die Frau – hatte sie sich als Charlotte vorgestellt? Nur, was hatte es mit dieser ‚Carla Johansen‘ auf sich? – seine Wohnung verlassen haben würde.

Er wälzt das Deckbett beiseite und legt seine Last ab, wobei ihm die enge Jeans auffällt, die ihre langen Beine umschließt. Die sollte er ihr besser ausziehen, um einen Blutstau zu verhindern.

Sich der Tatsache bewusst, dass er schon so manch andere Frau mit wahrlich erotischeren Empfindungen aus ihren Kleidern befreit hat, streift er ihr die Schuhe von den Füßen, die er neben dem Fußende des Bettes auf den Teppich stellt. Ihre rosa lackierten Fußnägel entgehen ihm dabei nicht.

Als er das T-Shirt nach oben schiebt, um die Jeans öffnen zu können, gibt das hochgerutschte seidene Unterhemd ein Stück ihres durchtrainierten Bauches frei. Ben öffnet den Hosenknopf und zieht den Reißverschluss auf, unter dem der Hauch eines hellblauen Seidenslips zum Vorschein kommt, bei dessen Anblick er pfeifend er die Luft ausstößt.

Wenigstens verdeckt der sündhaft teure Stofffetzen das, was er verdecken soll, sonst wäre er sich wie ein Voyeur vorgekommen.

Vorsichtig, um sie nicht zu wecken, nestelt Ben die Hose von ihren Beinen. Sie seufzt leise und räkelt sich, was ihm die Arbeit deutlich leichter macht. Nach einem weiteren Blick auf ihre Beine, von denen er sich unter anderen Umständen sicher gefragt hätte, wie sie sich um seine Hüften geschlungen anfühlen würden, faltet er die Hose zusammen und legt sie ans Fußende des Bettes.

Er befindet sich schon auf dem Weg zur Tür, als ihm einfällt, der er sie nicht zugedeckt hat.

Erneut umrundet Ben das Bett, und sein Blick fällt auf die Masse ihrer Haare, die sich wie eine Flut aus brauner Seide über sein Kopfkissen ergießt.

Kurz erwägt er, seine Finger darin zu vergraben, beschließt aber, keinen weiteren Gedanken mehr an eine Frau zu verschwenden, die auf einen Jan de Fries reingefallen ist und deren Bedürfnisse nach Luxus er niemals würde befriedigen wollen. Sie wäre keinesfalls eine lohnende Trophäe in seiner Sammlung von Frauen, die ihm, seit Nathalie ihm den Laufpass gegeben hat, das Bett gewärmt haben.

Im Wohnzimmer schenkt er sein Whiskey-Glas halbvoll. Das Leben spielt ihm seltsame Streiche in der letzten Zeit. So langsam könnte es damit ein Ende haben.

Er holt seinen Laptop aus der Tasche, die er bei seiner Ankunft neben dem Schreibtisch abgestellt hatte, und fährt ihn hoch. Wenn er schon unfreiwillig zum Gastgeber einer wildfremden Frau geworden ist, will er zumindest versuchen, herauszufinden, welche Laus sich da in seinem Pelz eingenistet hat.

Ben gibt ‚Carla Johansen‘ in die Suchmaske ein und weiß selbst nicht so genau, wieso er auf die Suchfunktion ‚Bilder‘ klickt.

Keinen Sekundenbruchteil später, füllt eine wahre Flut von Fotos den Bildschirm an, und ihm gehen die Augen über. Offensichtlich ist diese Carla oder Charlotte, oder wie immer sie auch heißen mag, ein gefragtes Model.

Ben staunt, wie viele unterschiedliche Gesichter eine einzelne Person haben kann. Auf einem Foto funkeln ihre Augen, und sie blickt ihm in einem kurzen Kleid als männermordender Vamp entgegen. Dann sieht er sie, ganz Grande Dame, in einem schlichten Kostüm mit entsprechender Hochfrisur. In einem bunten Outfit erinnert sie mit wallender Mähne und lässiger Haltung an die Hippie-Ära.

Er scrollt weiter und findet sie liegend auf einem Bett vor, in lasziver Pose, mit sündhaft knapper Unterwäsche. Ein Anblick, der ihn dazu veranlasst, die Brauen nach oben zu ziehen. Nach allem, was er gerade herausgefunden hat, gehört der Slip, den sie drüben in seinem Schlafzimmer trägt, noch zu der züchtigeren Variante.

Von einer Neugier getrieben, die er geradezu beängstigend findet, klickt er sich bei Wikipedia ein und gibt ihren Künstlernamen in das Suchfeld ein … und wird fündig.

Carla Johansen (geb. 1988) wurde mit 18 Jahren in der Berliner Fußgängerzone von einer Modelagentin entdeckt. Es dauerte nicht lange, bis sie die Laufstege der Modewelt eroberte. Wenngleich sie nie zu den absoluten Topmodels gehörte, schmälert das ihren Bekanntheitsgrad in Europa nicht.
Was ihr Privatleben angeht, hüllt Carla Johannsen sich in Schweigen. Insofern gibt es nur moderelevante Details …

»Bla, bla, bla!«, brummt Ben genervt und schließt die Datei.

Was interessiert es ihn, mit welchen Modefuzzies sie zusammenarbeitet? Das ist nicht seine Welt und interessiert ihn nicht die Bohne.

Sie ist demnach mit siebenundzwanzig richtig vermögend, auf einen Jan de Fries reingefallen, der sich – zumindest schließt Ben das aus den Begebenheiten der letzten Stunden – mit ihrer Kohle aus dem Staub gemacht hat?

Pech eben! »Wie man sich bettet, so liegt man«, pflegte seine Mutter zu sagen.

***

Unruhig wälze ich mich von einer Seite auf die andere. Das Deckbett hat sich zwischen meinen Beinen verheddert, und ich versuche, mich aus seiner Umklammerung zu befreien. Blinzelnd schlage ich die Augen auf.

Ich liege in meinem Bett, in meinem Schlafzimmer!

Vor Erleichterung lasse ich den angehaltenen Atem entweichen und seufze. Die Bilder des Alptraums verblassen allmählich. Mein Puls beruhigt sich und kehrt zu seinem normalen Rhythmus zurück.

Mattes Licht scheint durch das Fenster in der Dachschräge. Es muss noch früh am Morgen sein.

Monoton prasseln die Regentropfen auf die Scheiben und die Dachziegeln, und ich kann der Versuchung, mich unter der Decke zu verkriechen und weiterzuschlafen, kaum widerstehen. Aber irgendetwas stimmt nicht, das ahne ich förmlich.

Denk nach!, ermahne ich mich und lasse den Blick durch das Zimmer schweifen.

Die Wände sind in einem warmen Sienabraun gehalten und bringen die schlichten Buchenholzmöbel gut zur Geltung. Die Schiebetüren des Wandschranks, der die gesamte, mir gegenüberliegende Zimmerseite in Anspruch nimmt, und in dessen einer Hälfte sich meine Sachen befinden, sind geschlossen. Das Bett mit dem hohen schnörkellosen Kopfteil steht zwischen zwei würfelförmigen Nachtschränken, die zwei schlichte Regalbretter bergen.

Mein Blick richtet sich auf das Fenster, an dessen Außenseite die Regentropfen herunterkullern. Am Fußende des Bettes entdecke ich die Jeans, die ich gestern getragen habe. Sie ist fein säuberlich zusammengelegt. Auf dem dunklen Teppichboden darunter stehen meine Schuhe.

Ich schaue an mir herunter und stelle fest, dass ich in meinem T-Shirt geschlafen habe. Es ist zerknittert nach dieser unruhigen Nacht.

Normalerweise ziehe ich mich aus, bevor ich schlafen gehe ???

Ich schwinge die Beine aus dem Bett und kralle meine Fußzehen in den weichen Teppichboden. Ein Erinnerungsfetzen huscht an mir vorüber, und an meinen Armen richten sich sämtliche Härchen auf. Ein eiskalter Schauer rieselt mir über den Rücken.

Nein!, will ich die Erkenntnis beiseiteschieben, die sich wie die Schwingen eines düsteren Schattens um mich legt. Nein, nein, nein, nein, nein!

Doch die Ereignisse des Vortags kehren erbarmungslos zu mir zurück. Wie unliebsame Geister fliegen sie an meinem inneren Auge vorbei: das Hochzeitskleid, mein Besuch bei der Bank, das abgeräumte Konto, der Fremde in meiner Wohnung und last but not least Jan, der Hausmeister.

Alles was ich so gerne verdrängt hätte, ist mit einem Mal wieder da. Ich habe nicht geträumt. Jan hat mich belogen und betrogen, und ich bin pleite. Das Leben, das ich bis gestern geführt habe, gibt es nicht mehr.

Als könnte ich mir die Füße am Teppichboden verbrennen, ziehe ich die Beine ins Bett zurück.

Das hier ist nicht mein Schlafzimmer!

Ich habe im Bett dieses Penners geschlafen, der mich gestern so schonungslos mit der Tatsache konfrontiert hat, dass die vergangenen eineinhalb Jahre ein rosaroter Traum gewesen sind.

Wie in einem Zeitraffer läuft der gestrige Tag nochmals an mir vorbei, und ich sinke mit leerem Blick in die Kissen zurück. Es ist, als würde man einen vergilbten Vorhang beiseite ziehen und auf einmal einen ungetrübten Blick auf sein Leben erhalten.

Ein Leben, das es in dieser Form nie gegeben hat.

Weder ist der Mann, den ich heiraten wollte, Ingenieur noch hat er jemals eine Baustelle in den Vereinigten Arabischen Emiraten betreten oder auch nur aus der Nähe gesehen.

Ich rolle mich auf die Seite und ziehe die Beine vor meinem Oberkörper an, als könne mich diese Schutzhaltung vor der grausamen Tatsache bewahren, dass Jan von Anfang an, nur und ausschließlich, an meinem Vermögen interessiert war. Den scheinbar zufälligen Zusammenstoß im Café hat es in dieser Form nie gegeben. Er war gezielt herbeigeführt worden, um an mein Geld heranzukommen.

Eigentlich müsste ich verzweifelt sein. Ich sollte heulen, schreien und um mich schlagen. Stattdessen bin ich wie gelähmt und starre zur Decke hinauf.

Natürlich fand ich es seltsam, dass zu dieser Wahnsinnswohnung kein Keller gehören sollte. Zum Schleuderpreis hatte ich meine Möbel verkauft, um mit dem Mann meiner Träume zusammenleben zu können, der mich davon überzeugen konnte, dass wir hier alles hätten, was wir bräuchten.

Eine eisige Hand legt sich um mein Herz, und ein Zittern erfasst meinen Körper, als mir eine Situation in der Vorweihnachtszeit durch den Sinn geht.

Eines meiner Shootings war in der letzten Minute abgesagt worden und ich kam früher als geplant nach Hause. Jan saß am Schreibtisch und schreckte bei meinem Erscheinen auf. Hastig raffte er die vor ihm ausgebreiteten Unterlagen zusammen und ließ sie in seinem Aktenkoffer verschwinden …

Aus heutiger Sicht betrachtet, will ich nicht einmal ansatzweise wissen, wobei ich ihn damals gestört habe.

Mir laufen die Tränen über die Wangen. Ich ziehe das Kopfkissen an mich, das ich mit beiden Armen umschlinge, und presse mein Gesicht in die weichen Daunen.

Ich heule und tue mir selbst leid, bis der Kissenüberzug feucht ist. Die Vorstellung, dass alles, was mich mit diesem Mann verbunden hat, nie Wirklichkeit gewesen sein soll, zerreißt mich schier.

Als ich das Gefühl habe, keine einzige Träne mehr übrig zu haben, taste ich mit der Hand nach den Taschentüchern auf dem Nachtschrank und putze mir die Nase. Ich fühle mich wund und ausgelaugt.

Irgendwie entwürdigt, ja, ein wenig meiner Seele beraubt.

Das Klappern von Geschirr dringt durch die geschlossene Schlafzimmertür. Offensichtlich macht sich der rechtmäßige Besitzer dieser Wohnung schon in der Küche zu schaffen.

Allein der Gedanke, ihm früher oder später unter die Augen treten zu müssen, verursacht mir Übelkeit. Was sagt man zu jemandem, in dessen Wohnung man – und wenn zehn Mal unwissentlich – ein Jahr lang gewohnt hat?

Wie soll ich diesem Mann gegenübertreten, der keinen Hehl daraus macht, wie sehr er mich dafür verachtet, dass ich auf einen – ja, es ist an der Zeit das Kind beim Namen zu nennen – Kriminellen hereingefallen bin?

Und dem man als kleine Unverschämtheit obendrauf noch unterstellt hat, in die eigenen vier Wände eingebrochen zu sein?